"Die Vorgehensweise finde ich sehr bedauerlich": Der Betzinger Bezirksbürgermeister Thomas Keck meldete sich vor der Neuwahl des ersten Vorsitzenden und des Medienreferenten zu Wort und bat um eine Aussprache. Stein des Anstoßes war das Vorgehen des amtierenden Ersten Vorsitzenden Dr. Carl-Gustav Kalbfell, der die Namen der von ihm vorgeschlagenen Kandidaten vor der Mitgliederversammlung an die Presse weitergegeben hatte. Damit habe er den Mitgliedern und den Kandidaten keinen Gefallen getan, machte Keck seinem Unmut Luft.

Kalbfell, seit Oktober als Sozialbürgermeister im Rathaus von Leinfelden-Echterdingen tätig ist, wehrte sich gegen den Vorwurf, er habe die Mitglieder übergangen. Alle hätten die Namen der beiden Bewerber per E-Mail erhalten mit der ausdrücklichen Bitte, ihrerseits Kandidaten vorzuschlagen: "Doch es kamen keine weiteren Vorschläge", sagte der scheidende Vorsitzende. "Ich nehme es auf meine Kappe, die Namen an die Presse weitergegeben zu haben", räumte er ein. FDP-Stadtrat Hagen Kluck unterstützte seinen Fraktionskollegen, schließlich sei er es gewesen, der sich um einen Nachfolger bemüht habe: "Wir müssen schauen, dass der Laden weiterläuft, und dazu braucht es einen Vorsitzenden."

Nach der Vorstellung der beiden einzigen Kandidaten für die Ämter des Vorstands und des Medienreferenten und weiteren Diskussionen um das Wahlprozedere kam es schließlich zur nicht geheimen Abstimmung: Der 35-jährige Finanzdienstleister Dirk Ströhle wurde mit 20 Ja-Stimmen (bei sieben Enthaltungen und einer Nein-Stimme) zum Vorsitzenden gewählt, der ebenfalls 35-jährige Kommunikationsdesigner Bernhard Wilke übernimmt nach einstimmigem Votum das Amt des Medienreferenten von Camila Romanato. Weiter entlastete der seit 6. März 2015 bestehende Förderverein den bisherigen Vorstand und beriet über das weitere inhaltliche Vorgehen.

Der inzwischen 76 Mitglieder zählende Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die historische und dringend sanierungsbedürftige Fachwerkhäuserzeile Oberamteistraße 28 bis 32 zu erhalten und den Verkauf an einen Investor zu verhindern. Am Beispiel der ehemaligen Kapuziner-Klosteranlage in Rottweil zeigte Henry Rauner, Erster Vorsitzende der Rottweiler Bürgerinitiative, zum Abschluss der Versammlung, wie mit bürgerschaftlichem Engagement ortsbildprägende Gebäude nachhaltig saniert werden können. Das 1655 erbaute Kapuzinerkloster wurde innerhalb von zehn Jahren in ausschließlich ehrenamtlicher Arbeit instand gesetzt und mit einem zukunftsweisenden Nutzungskonzept als Mehrgenerationenhaus ausgestattet: "Wir haben mit null Unterstützung einfach angefangen, den Gemeinderat jedoch durch unser Engagement überzeugt", sagte Rauner.

Übertragen auf die Reutlinger Altstadt und die Gebäude in der Oberamteistraße bedeutet das: Es muss zunächst bei der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Erhaltung der historischen Gebäude geschaffen werden: "Die Aufgabe des Vereins ist dies anzustoßen", so FDP-Stadtrat Hagen Kluck, "und zwar mit und nicht gegen den Gemeinderat".