Tübingen/Reutlingen French Connection mit nem Spanier

Tübingen/Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 22.01.2014
Ein Blick in die Beschaffung und den Handel größerer Mengen Marihuana erlaubt derzeit ein Prozess am Landgericht. Die beiden 29 und 55 Jahre alten Angeklagten, derzeit in Haft, haben Reutlinger Bezüge.

Es geht leichter als man denkt: Für 3300 Euro pro Kilogramm erwarb der 29-Jährige in Südfrankreich von einem Spanier, dessen Vornamen er nur kennt, Marihuana. Den Stoff, "Outdoor-Gras mittlerer Qualität", verpackte er pfundweise mit Frischhalte-, Alufolie und Klebeband und verstaute ihn im Autositz. In Deutschland bezahlten seine Großabnehmer für den Raum Reutlingen und Tübingen pro Kilogramm 4300 Euro ("Ich hab immer nur einen Euro aufs Gramm draufgeschlagen, egal was es kostete").

Fünf eigene Fahrten und eine Lieferung, die der Spanier hierher brachte, räumt der geständige Angeklagte ein. Rund 22 Kilogramm Gras wurden so importiert und an die regionalen Verteiler weitergereicht, hinzu kamen kleinere Einkäufe als Zwischenhändler in Stuttgart, Luzern und Antwerpen. Unerlaubte Einfuhr und unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge wirft dem Duo deshalb Oberstaatsanwalt Bernhard Henn vor. Auch den "Geschäftspartnern" des gebürtigen Polen, der seine Kindheit und Schulzeit in Reutlingen verbrachte und jetzt in Filderstadt lebt, wurde mittlerweile der Prozess gemacht.

Auf den Trichter mit dem Import über die "Frankreich-Schiene", die "French Connection", kam der 29-Jährige zufällig, als er im September 2012 im Urlaub mit seiner Freundin einen Schulfreund aus gemeinsamen BZN-Zeiten in Südfrankreich besuchte. Dessen Vater, der Mitangeklagte, lebt in der Nähe von Perpignan. Der gebürtige Degerschlachter war nach der Lehre ein paar Jahre durch die Welt gereist, ließ sich mit 25 zum Zimmermann umschulen und reiste dann "quasi auf Privat-Walz" weiter rund um den Globus. Vor 20 Jahren wurde er auf Wunsch seines Sohnes im Roussillon sesshaft, kaufte ein Gelände mit zwei Mobilhomes und verdient seinen Lebensunterhalt mit Zimmererarbeiten. Als gelegentlicher Marihuana-Raucher stellte der 55-Jährige auf Drängen des jüngeren Angeklagten den Kontakt zum dortigen Milieu her, verlas sein Rechtsanwalt Martin Stirnweiss am Montag eine Verteidigererklärung. Bei den ersten Treffen mit "dem Spanier" dolmetschte er noch, später war er nicht mehr dabei, wenn sich der 29-Jährige mit dem Lieferanten auf seinem Grund traf. Jeweils 300 Euro bekam er bei fünf Treffen als "Vermittlungsgebühr" vom Spanier, außerdem zweimal etwas Gras für den Eigenbedarf, so die Erklärung.

Zwischen Oktober 2012 und März 2013 kamen der Filderstädter und der Spanier - sie besaßen mittlerweile Prepaid-Handys für die Geschäftskontakte - sechs Mal zusammen. Mitte Mai wurde der 29-Jährige festgenommen. Einem "Geschäftspartner", der 500 Euro an die Staatskasse zu zahlen hatte, konnte er nicht aushelfen. Weil der dafür einsitzen musste, "war er sauer und packte aus", schilderte Henn, wie die Ermittler an zahlreiche Details der Deals gekommen waren.

Genau ließ Vorsitzende Richterin Maria-Anna Schmid den 29-Jährigen sein Vorleben schildern. Der hatte seit dem 13. Lebensjahr Gras geraucht, später Kokain konsumiert, war nach der Schule daheim ausgezogen und hatte sich ohne Ausbildung mit Jobs durchgeschlagen, zum Beispiel fünf Jahre lang in Spanien in Call-Centern deutscher Firmen. In der Region hatte er sich als Party- und Event-Veranstalter versucht - ohne großen Erfolg.

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