Fast ein halbes Jahrhundert lang hat er an der Freien Evangelischen Schule Reutlingen gewirkt. Dass die Bildungseinrichtung heute zu den Top-Adressen in der baden-württembergischen Schullandschaft zählt, ist auch ihm zu verdanken: Siegfried Gminder, 47 Jahre lang ehrenamtlich bei der FES engagiert, unter anderem als Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Fördervereins der Schule, wurde am Freitagabend von Oberbürgermeister Thomas Keck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Gleichzeitig übergab der 78-Jährige den Stab an seinen Nachfolger Dekan i.R. Harald Klingler.
„Unter dem Schirm des Höchsten bin ich geborgen Tag und Nacht“, sang die Klasse 2a Siegfried Gminder entgegen. Ein Lied, das wohl passender nicht sein könnte, schließlich hat Gminder bei seinem Engagement und mit seiner Tatkraft stets die Bedeutung des christlichen Glaubens und des christlich-jüdischen Erbes gerade auch für die Bildungseinrichtungen im Land hervorgehoben. Gegründet in einer Zeit, als landesweit zahlreiche Bekenntnisschulen von der damaligen Landesregierung bereits geschlossen beziehungsweise in Gemeinschaftsschulen umgewandelt worden waren, erkannte Gminder auch die Chance und gründete zusammen mit weiteren Mitstreitern 1973 die Freie Evangelische Schule. 49 Kinder und zwei Lehrer in zwei Klassen, zunächst in Betzingen, waren der erste Schuljahrgang dort. Heute hat die FES rund 1150 Schüler in Grundschule, Real- und Werkrealschule in Reutlingen, Dußlingen sowie rund 75 Lehrer. In Metzingen-Glems könnte sie zudem bald die Grundschule übernehmen.
Ohne den Förderverein gäbe es keine FES, trägt dieser doch die Schule und ist an allen wichtigen Entwicklungen und Veränderungen beteiligt. So war Gminders Part nicht nur auf verwalterische Aufgaben beschränkt. Der gelernte Bauingenieur, der bis zum Eintritt in den Ruhestand 2005 die Technischen Betriebsdienste der Stadt Reutlingen leitete, war federführend bei der Planung und Ausgestaltung der verschiedenen Bauaufgaben in der Schule. Alles in seiner Freizeit, versteht sich. Zu tun gab es genug: Drei Jahre nach der Gründung begann die FES mit einem Schulneubau am Königsträßle, 1989 folgte der Erweiterungsbau für eine fünfzügige Grundschule, 1991 wurde die Turnhalle erweitert, 2005 wurde ein Ganztageszentrum mit Mensa gebaut, ab Mai ein Firmengebäude im Gebiet Laisen für weitere Klassen umgebaut, seit September 2019 erfolgt der vierzügige Aufbau der Sekundarschule, im Mai 2020 war Baubeginn in Dußlingen für eine zweizügige Realschule. Martin Kuhn, langjähriger Schulleiter der FES und Weggefährte von Siegfried Gminder, betonte in seiner Laudatio: „Die Schule wäre ohne Dich nicht das, was sie heute ist.“ Gminder sei stets der Motor gewesen, der die Schule innovativ weiterbringen wollte, „er war Netzwerker, Allrounder, Mentor, Zugpferd“. Vor allem habe Gminder den Jüngeren Wertschätzung gezeigt, ihnen vieles zugetraut und anvertraut. Gminder sei der Frontmann bei Verhandlungen mit oberen Stellen gewesen, aber auch in schwierigen Gesprächen zum Beispiel mit Eltern.
Oberbürgermeister Thomas Keck sagte, es sei das erste Bundesverdienstkreuz, das er in seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister überreiche. Keck sprach von einem „atemberaubenden Erfolg“ der FES, der unmittelbar mit dem Engagement der Ehrenamtlichen zusammenhänge. Siegfried Gminder sei ein Pionier und die hoch erfolgreiche Entwicklung der FES gebe den Gründern recht. „Die FES ist unsere größte Grundschule in der Stadt und äußerst beliebt.“ Besonders gut tue der Stadt auch das Angebot der Realschule samt Werkrealschule der FES. In der Schulstadt Reutlingen stelle die FES eine nicht mehr wegzudenkende Größe dar. Aus der Sicht der Stadt sei auch Gminders Wirken im Förderkreis Friedhof unter den Linden sowie im Knabenchor capella vocalis zu würdigen.
Professor Dr. Wolfgang Stock, Generalsekretär Evangelischer Bekenntnisschulen, erinnerte daran, dass Siegfried Gminder und seine Mitstreiter gerade in einer Zeit Ende der 1960er Jahre, als der Einfluss der Kirchen von der Politik zurückgedrängt wurde, die Initiative ergriffen und eine neue Schule gegründet haben. „In einer Zeit, in der die Kirche auf dem Rückzug war, haben Christen das Heft in die Hand genommen.“ Pfarrer Johannes Eißler, stellvertretender Synodalpräsident der Evangelischen Landeskirche, sagte, er haben Gminder und die Ehrenamtlichen der FES „als Pioniere erlebt, die viel Herzblut investiert haben“.
Moderiert von Rektor Stefan Creuzberger umrahmten Schüler, Lehrer, Eltern mit Musik unter der Leitung von Nicky Vollkommer und Geschichten aus fast fünf Jahrzehnten Schulleben. Mit Siegfried Gminder verlässt der Letzte aus der Gründergeneration das aktive Schulleben der FES. Er habe stets erlebt, dass Gottes Hand ihn geführt habe, so Gminder. Nun wünsche er der FES, dass sie im Sinne der Gründer Schule unter dem Evangelium bleibe.

Seit 1973: Freie Evangelische Schule


Die Freie Evangelische Schule, gegründet 1973 und zum Schuljahr 1973/74 gestartet, ist laut ihren Statuten „eine bewusst evangelisch, das heißt vom Evangelium her geführte Schule“. Trägerverein, Lehrerkollegium und Eltern arbeiten gemeinsam an der Umsetzung der Grundlinien und Ziele der Schule. Der Vorstand der Schule besteht aus den geschäftsführenden Schulleitern der Grund- und Sekundarschule, dem kaufmännischen Leiter und der Verwaltungsleiterin.

Dem Vorstand obliegt die Leitung und Geschäftsführung der Schule. Das aufsichtsführende Gremium ist der Verwaltungsrat, dem Mitarbeiter, Eltern und Vereinsmitglieder angehören. Die Schule ist eine „Schule in freier Trägerschaft”. Träger der Schule ist nicht die Evangelische Kirche, sondern der Verein „Freie Evangelische Schule Reutlingen e. V.”