Ein bisschen auf der Wiese liegen, in einem Buch schmökern, ein kühles Stück Wassermelone essen, und wenn es zu warm wird, kurz ins erfrischende Nass springen.  Das tun an diesem Hitze-Rekord-Donnerstag tausende Besucher im Wellenfreibad Markwasen. Nur Lukas Ebinger nicht. Denn der 31-Jährige arbeitet seit vielen Jahren an dem Ort, der  für andere an drückenden Sommertagen die letzte Zuflucht ist.

5691 Besucher werden es am Ende dieses Donnerstags sein, den die Medien als bislang heißesten Tag des Jahres angekündigt haben. 5929 waren es am Tag davor, am letzten Mittwoch vor den großen Sommerferien. Es läuft momentan rund für das zweitgrößte Freibad Süddeutschlands, nachdem man im Mai noch etwas holprig in die Saison gestartet war, auf Grund des unbeständigen und feuchten Wetters.

Viel Arbeit und Verantwortung

Gutes Wetter und viele Besucher bedeuten für Badeleiter Ebinger zunächst einmal viel Arbeit und eine ganze Menge Verantwortung. Sein Arbeitstag startet um 5 Uhr, dann überprüft er die Qualität des Wassers: Stimmt der Chlorgehalt? Und wie sieht es mit dem ph-Wert aus? „Die Badewasseraufbereitung in Deutschland unterliegt den strengsten Normen, da kann kein Land mit uns mithalten“, sagt Ebinger. Die Wasserqualität wird im Laufe des Tages noch weitere drei Male im Becken überprüft. Je mehr Besucher sich im Wasser tummeln, desto mehr Bakterien und Keime müssen abgetötet werden: Das wird über den Chlorgehalt geregelt. Wenn besonders viel los ist, wird Aktivkohle ins Wasser gegeben: „Die bindet das verbrauchte Chlor“, erklärt Ebinger. An besucherstarken Tagen wie momentan werden täglich 16 Kilogramm Aktivkohle verbraucht.

4000 Quadratmeter Wasser

Übrigens: „Nur verbrauchtes Chlor riecht“, sagt Ebinger. Wenn es in einem Bad also intensiv nach Chlor duftet, ist das nicht unbedingt ein Zeichen für die besondere Sauberkeit des Wassers... Aber an solchen Hitze-Tagen geht es im Wellenfreibad bei weitem nicht nur um die Sauberkeit des Wassers. Es geht auch darum, möglichst lückenlos den Überblick über tausende Badegäste zu behalten: Die einen entspannen am Beckenrand, die anderen wollen gemütlich schwimmen und nochmal andere toben sich im Wasser aus. Um die vier Becken (das sind 4000 Quadratmeter Wasserfläche) im Blick zu behalten, sind mindestens fünf Aufsichtspersonen notwendig. „An heißen Tagen wie momentan benötigen wir aber bis zu zehn Personen“, sagt Betriebsleiter Ebinger.

Das können zum einen Fachangestellte für Bäderbetriebe sein, umgangssprachlich auch als Bademeister bekannt – diese Bezeichnung mag Necdet Mantar allerdings gar nicht. Der Bäderleiter der Reutlinger Stadtwerke sagt, dass man zwar keinen so gravierenden Personalmangel habe, wie andere Schwimmbäder. Trotzdem: „Auch uns fehlt noch eine Vollzeitkraft mit diesem Beruf.“ Im Wellenfreibad können auch Aushilfen mit dem Rettungsschein in Silber arbeiten – das lindert die Bademeister-Not zumindest ein bisschen.

Betriebsleiter Lukas Ebinger hat sich 2004 für genau den Beruf entschieden, der jetzt Mangelware ist. 2014 hat er sogar den Meister gemacht. Dass er arbeiten muss, während andere plantschen, macht ihm nichts aus. „Sonst wäre ich niemals so lange in diesem Bereich geblieben“, sagt er. Die liebsten Arbeitsstunden sind für ihn die, bevor der Betrieb mit der Ankunft der ersten Frühschwimmer los geht. „Dann genieße ich die Ruhe“, sagt er. „Und oft auch die tollen Sonnenaufgänge.“ Viele Besucher, viele Sorgen: Wenn das Freibad erst einmal gefüllt ist, haben Ebinger und Bäderleiter Mantar nicht mehr viel Ruhe. Eine Besucherin mit der kleinen Tochter auf dem Arm spricht Mantar an: „Wir brauchen auf den hinteren Flächen auch unbedingt Toiletten, das dauert ewig, bis ich mit der Kleinen hier vorne bin.“ Mantar hört zu, nickt, spricht ein paar Worte mit der Frau, die anschließend beschwichtigt weiter geht. „Viele denken, wer im Freibad arbeitet, der muss nur am Becken stehen“, sagt er daraufhin. „Das ist falsch: Man muss so viel machen, hat so viele Aufgaben, muss geduldig und diplomatisch sein.“

Das Reutlinger Freibad ist das Größte in der Umgebung: Auf sieben Hektar Wiesenfläche können sich die Besuchermassen gut verteilen. „Weil wir so viel Platz haben, können wir Gruppen, die sich partiell nicht verstehen, voneinander trennen“, sagt Betriebsleiter Ebinger. Der Kinderbereich beispielsweise ist vom Rest abgetrennt.

Eine große Fläche bedeutet aber auch mehr Mühe bei den Aufräumarbeiten. „Wir haben vier Gärtner, die beginnen immer um 6 Uhr damit, den Müll aufzusammeln“, sagt Ebinger. Trotz der aufgestellten 480-Liter-Mülleimer lande noch viel auf dem Boden oder der Wiese. „Nach Großkampftagen benötigen wir acht bis neun Stunden, um alles zu beseitigen.“

Im Müll landen auch nach wie vor besonders viele Pommes-Pappschälchen: „Pommes und Chicken Nuggets sind auch bei so hohen Temperaturen das beliebteste Essen“, sagt Jashar Ankele an diesem Donnerstag. Sie ist Pächterin von einem der drei Freibad-Kioske. „Gestern, also am Mittwoch, haben wir beispielsweise 330 Kilo Pommes verkauft.“ Das sei für einen Tag unter der Woche enorm, sagt sie: „Man merkt, dass die Schulferien kommen.“

Privat kaum Freibadbesuche

Für Betriebsleiter Lukas Ebinger dagegen gibt es im Sommer keine Ferien – auch das bringt dieser Beruf eben mit sich. Am frühen Nachmittag hat er Feierabend. Dann erfrischt er sich aber nicht etwa selbst im Freibad: „Das mache ich privat echt ganz selten.“ Viel lieber geht er beispielsweise Radfahren. In Freibädern plagt ihn gewissermaßen eine Berufskrankheit. Wenn er beispielsweise an einem Becken vorbei geht, versucht er automatisch den Überblick über das Geschehen im Wasser zu bekommen. „Man sieht dauernd etwas, was man selbst anders machen oder sogar verbieten würde“, sagt er. Und dabei kommt verständlicherweise keine Entspannung auf.

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Kilogramm Aktivkohle werden an einem besucherstarken Tag dem Frischwasser hinzugefügt. Aktivkohle bindet verbrauchtes Chlor, erklärt Wellenfreibad-Betriebschef Lukas Ebinger. kam