Der Austritt aus der AfD nach der Kampfabstimmung gegen Frauke Petry um den Vorsitz vor gut acht Monaten war für ihn "eine richtige Erleichterung", sagt Lucke im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Hamburger Professor für Makroökonomie verweist auf "Streit, Misstrauen und Hass" in der vor zwei Jahren gegründeten Partei, deren Kurs er als Sprecher mitbestimmt hatte. "Etwa seit Frühjahr 2014 ist mir die problematische Entwicklung bewusst geworden", räumt er ein, "doch es ist nicht möglich, als Vorsitzender alle Neueintritte in 300 Ortsvereinen zu kontrollieren". Die anfangs als "liberal-konservativ" auftretende Partei wurde, wie Lucke sagt, rasch in die rechte Ecke gedrängt. Eine Entwicklung, die zum Selbstläufer geworden sei, da so die entsprechenden Leute angelockt wurden.

Nun also tritt ALFA bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg an. "Wir sind in allen 70 Wahlkreisen vertreten", freuen sich Lucke und der Reutlinger Kandidat Tobias Walter. "Der Bekanntheitsgrad der Partei steigt in jedem Fall durch die Aktivitäten im Wahlkampf", unterstreichen sie. "Ich denke, wir erleben am Wahlabend eine positive Überraschung für unsere Partei", betont Lucke und verweist auf den Anstieg der Stimmen der "Sonstigen" - ALFA selbst wird in den Umfragen nicht gesondert aufgeführt. "Natürlich ist", wie Lucke sagt, "die Flüchtlingspolitik ein zentrales Thema". ALFA tritt für eine "atmende" Obergrenze ein - konkret bedeutet dies, ein flexibles Kontingent, dessen Umfang von der Aufnahmebereitschaft der Kommunen abhängt.

Diese sollen je nach Wohnungsangebot, den vorhandenen Arbeitsplätzen und der Kapazität in den Schulen entscheiden, wie viele Flüchtlinge sie aufnehmen können. Die Kosten wiederum will Lucke zentral beim Bund ansiedeln. "Ich bin überzeugt davon, dass die allermeisten Menschen helfen wollen in einer Situation, in der viele vor dem Bürgerkrieg fliehen". Klar sei aber, Flüchtlinge könnten nur in dem Maße integriert werden, in dem die erforderlichen Kapazitäten in den Gemeinden vorhanden seien. Darüber hinaus plädiert Lucke für die direkte Hilfe in den Flüchtlingslagern. Dort seien feste Unterkünfte, Schulen, eine ordentliche Trinkwasserversorgung und Gesundheitsvorsorge erforderlich. "Das hilft den Flüchtlingen und nützt zudem der türkischen Wirtschaft".

Als weiteren Schwerpunkt rückt Lucke die drohende Rentenkrise in den Fokus. "In 25 bis 30 Jahren werden 50 Prozent der Rentner unterhalb der Armutsgrenze leben". Die Riester-Verträge rechneten sich als Folge der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank nicht mehr. Vermutlich bleibe unterm Strich nur die Hälfte des ursprünglich erwarteten Betrages. Das ALFA-Ziel: Denjenigen, die im Alter an die Armutsgrenze zu rutschen drohen, zu unterstützen. Dazu soll ein nationaler Rentensicherungsfonds von Bund und Ländern aufgelegt werden, in den diese jährlich so viel einzahlen, dass es einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht - rund 30 Milliarden Euro. Gerechnet auf 30 Jahre und bei einer Investition in "reale, ertragsstarke Anlagen" veranschlagt Lucke schlussendlich 1,5 Billionen Euro, die zur Stärkung der Renten verwendet werden können. Ebenfalls weit vorn auf der ALFA-Agenda steht die Bildungspolitik. Lucke: "Wir treten klar für das dreigliedrige Schulsystem ein. Das bedeutet nicht, Gemeinschaftsschulen zu schließen, aber diese ebenfalls durchzugliedern".

Mit Blick auf die Wirtschaft wendet er sich gegen die "Zwangsmitgliedschaft" der Unternehmen in den Kammern - diese sollten lediglich weiterhin ihre Aufgaben im Ausbildungs- und Prüfungsbereich wahrnehmen und dazu auch entsprechende Beiträge erhalten.

Lucke spricht sich beim Thema Innere Sicherheit für eine personelle Stärkung der Polizei aus und brach eine Lanze für die Videoüberwachung öffentlicher Plätze. Zudem gelte es, die Justiz zu stärken, um die Zeiträume zwischen Straftaten und dem Gerichtsprozess zu verkürzen.