Reutlingen Fluchtorte im Reich der Poesie

Im Sommertheater der Tonne wird ab Donnerstag „Cyrano de Bergerac“ gespielt.
Im Sommertheater der Tonne wird ab Donnerstag „Cyrano de Bergerac“ gespielt. © Foto: Privat
Von Jürgen Spieß 11.07.2018

Das wollten wir schon lange mal aufführen“, meint Tonne-Dramaturgin Karen Schultze: Eine historische Mantel- und Degengeschichte soll es also werden, „mit viel Poesie, Liebe und veritablen Fechtszenen“. Am kommenden Donnerstag feiert das diesjährige Sommertheater des Tonne-Theaters mit Edmond Rostands tragisch-romantischer Komödie „Cyrano de Bergerac“ Premiere im Spitalhof.

Gewandt mit Degen und Wort

Die Welt der Poesie ist Cyrano de Bergeracs letzte Zuflucht. Der Kämpfer, dem die Natur eine hässliche lange Nase mitgegeben hat, findet seine Erfüllung darin, einem schönen aber unbegabten jungen Mann die Liebste zuzuführen. Die aus Saarbrücken stammende Regisseurin und Ausstatterin Stephanie Rolser hat die neoromantische Komödie, die Edmond Rostand im 19. Jahrhundert geschrieben hat, in einer von ihr und Karen Schultze erarbeiteten Textfassung für das diesjährige Sommertheater unter freiem Himmel inszeniert. Die Bühne bietet Platz und einen Steg zum Fechten, einen Aufbau für die Balkonszene und eine weitere zentrale Rolle kommt natürlich der Sprache zu.

In kunstvoll gereimte Verse gekleidet, präsentiert die Inszenierung einen Cyrano, der zwar beindruckend gewandt mit dem Degen wie mit wohl gesetzten Worten umgehen kann, sich aber wegen seines Aussehens keine Chancen in der Liebe und schon gar nicht bei der von ihm so geschätzten Roxane ausrechnen kann. Den legendären Dichter und Musketier, der zu Zeiten des Sonnenkönigs Ludwig in Frankreich lebte, spielt Robert Atzlinger als lebenshungrigen alternden Mann. Er kämpft um die Liebe der schönen Roxane (Nina-Mercedés Rühl). Sie kann sich allerdings nur in den smarten, aber reichlich prosaisch daherplappernden Christian (Heiner Kock) verlieben. Dem leiht Cyrano Stimme und Schreibfeder – und als Duo erobern die zwei das Herz der Angebeteten.

Das Personal ist auf fünf Schauspieler und den Montfleury spielenden Akkordeonisten Andrej Mouline beschränkt, sodass die Handlung auf die Hauptfiguren konzentriert bleibt. Neben Roxane, Cyrano und Christian ist das der intrigante Graf de Guiche (Sebastian Hammer), der selbst auf Roxane ein Auge geworfen hat. Die fünfte Figur ist Le Bret (Wolfgang Grindemann), der Freund und Vertraute von Cyrano, der diesem hilft, die peinlichen Situationen zu retten, in die er sich immer wieder hineinmanövriert. Die Tonne-Fassung setzt in dem Moment ein, in dem Roxane die tragische Wahrheit und ihren Irrtum erkennt. Wie eine Art Flashback steht für sie in diesem Moment die Zeit still und gleichzeitig öffnet sich ein Fenster der Erinnerung. In einer Art Rückblende erlebt das Publikum die wichtigen Stationen ihrer Liebe zu Christian und ihrer Begegnungen mit Cyrano.

 Anstatt der Verführung zu erliegen, die aus der Sicht von Roxane erzählte Geschichte als opulentes Kostümdrama auf die Bretter zu bringen, setzt Stephanie Rolser auf das Spiel der Darsteller und das romantische Potenzial des Stoffs:

Mit Macken und Marotten

„Große Kostüm- und Requisitenschlachten sind nicht mein Ding“, sagt die Regisseurin, die ihre Brötchen eigentlich am Kinder- und Jugendtheater Überzwerg in Saarbrücken verdient und dieses Jahr mit dem Stück „Name: Sophie Scholl“ beim Monospektakel zu Gast war. Obwohl oder gerade weil die Regisseurin bei der Inszenierung auf der neun auf sieben Meter kleinen Bühne nur sehr sparsam mit Kulissen und Requisiten arbeiten kann, stehen die Menschen mit ihren Macken und Marotten im Mittelpunkt. Da spötteln sie über Cyranos überlange Nase, um sich im nächsten Moment schon selbst im Spiegel der Ironie zu betrachten.

Das Publikum erwartet eine poetische, berührende und durchaus komische Mantel- und Degengeschichte über die fatale Macht der Äußerlichkeiten und der Täuschung, voller Wortgefechte und Romantik. Es gibt also viel zu gucken bei diesem „lebendigen Theaterspiel“. Sicher ist, dass alle Aufführungen stattfinden und nur, wenn es heftig regnet, ziehen Publikum und Darsteller in die neue Tonne-Spielstätte in der Jahnstraße 6 um. Ein kleines Risiko gehört beim Sommertheater schließlich dazu.

Sommertheater im Spitalhof: Die Termine

Am 12. Juli, 20 Uhr ist die Premiere von „Cyrano de Bergerac“ im Spitalhof Reutlingen.
Weitere Vorstellungen sind am 13., 14., 18., vom 20. bis 22. und vom 25. bis 29. Juli sowie vom 1. bis 5. August. Mittwoch bis Samstag 20 Uhr, Sonntag 18 Uhr.

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