Reutlingen Feuer, Fahnen und fetzige Klänge

Das Fahnenflaigen ist ein fester Bestandteil der Schwörtagszeremonie.
Das Fahnenflaigen ist ein fester Bestandteil der Schwörtagszeremonie. © Foto: Archiv/Jan Zawadil
Reutlingen / SWP 13.07.2016
Das Programm des zwölften Reutlinger Schwörtags-Wochenendes ab Freitag, 15., bis Sonntag, 17. Juli, hat für jeden was zu bieten.

Feuer, Fahnen, fetzige Klänge: Das Programm des zwölften Reutlinger Schwörtags-Wochenendes von Freitag, 15., bis Sonntag, 17. Juli, ist auch in diesem Jahr wieder breit gestreut. Verzichten müssen Mittelalter-Freunde diesmal allerdings auf den Zunftmarkt im Volkspark – der Veranstalter habe krankheitshalber kurzfristig abgesagt, heißt es in einer Mitteilung der Stadt.

Das Wandeln auf den Spuren der einstigen freien Reichsstädter, die den Schwörtag zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert zur Neuwahl und Vereidigung ihres Bürgermeister nutzten, beginnt auch diesmal wieder mit dem Vortrag eines hochkarätigen Redners. Prof. Wolfgang Kaschuba, geschäftsführender Direktor des Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin, spricht am Freitag, 15. Juli, 20 Uhr, im Foyer des Ratsgebäudes, Marktplatz 22, auf Einladung des Reutlinger Geschichtsvereins über „Die Wiederkehr der Städte: Zivilgesellschaft als urbanes Lebensprinzip?“ (siehe auch Infokasten).

Angemessen einstimmen auf das traditionsreiche Fest des demokratischen Frohsinns können sich die Reutlinger und ihre Gäste mit dem Vorabend-Programm: Am Samstag, 16. Juli, erklingt ab 18 Uhr im einstigen „Schwörhof“ am Friedrich-List-Gymnasium Schwungvolles, Fetziges und Rockiges. Los geht‘s mit der „Stadtkapelle“ Musikverein Reutlingen e.V. 1902, die Volksmusik, Rock, Pop und Swing offeriert. In die „Schwörnacht“ tanzen die Besucher dann ab 20 Uhr mit „Ernest and the Hemingways“ und ihrem bewährten Mix aus Rock, Soul und Funk. Zum Ausklang wird‘s feurig: „Pila Accendi“ zeigen eine mittelalterliche Feuershow.

Der Schwörsonntag, 17. Juli, beginnt in der Marienkirche: Dem musikalischen „Weckruf“ der Marienkirchen-Turmbläser um 9.30 Uhr folgt um 10 Uhr der ökumenische Gottesdienst.  Anschließend bewegt sich der Festzug von der Kirche zum List-Gymnasium. Die traditionelle Schwörtagsrede von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch um 11 Uhr wird umrahmt vom Reutlinger Fahnenflaiger Thomas Walker, der Stadtkapelle, dem Reutlinger Liederkranz, den Schulchören des List-Gymnasiums, der Stadtgarde und der Schützengilde. Das bunte Bürgerfest-Programm startet um 12.30 Uhr mit der Stadtkapelle und den „Swinging Alberts“, die mit Hits aus Pop, Rock und Film aufwarten. Das Naturtheater zeigt Höhepunkte aus seiner Sommerproduktion „Cabaret“. „Doktor Marrax“ serviert „Hokuspokus“ – zunächst auf der Bühne, später beim bunten Kinderprogramm im Mensa-Hof. Von 12.30 bis 15 Uhr können die kleinen Bürger hier mit der Trachten- und Volkstanzgruppe Ohmenhausen Sprungseile selber drehen, Ritterhelme und Kopfschmuck basteln, eigene Wappen anfertigen, Perlenketten fädeln sowie mit Hula Hoop, Seilspringen und Hufeisenwerfen in Schwung kommen.

An beiden Tagen muss niemand hungrig nach Hause gehen: Für Speis‘ und Trank sorgen Reutlinger Vereine, Bäcker und Metzger sowie die Oberstufe des Friedrich-List-Gymnasiums.

Wolfgang Kaschuba: Die Wiederkehr der Städte – Zivilgesellschaft als urbanes Lebensprinzip?

Stadt und Geschichtsverein laden am Freitag, 15. Juli, 20 Uhr, ins Rathaus-Foyer zum zehnten Schwörtagsvortrag ein, dem Auftakt des Schwörtagswochenendes. Die 2007 ins Leben gerufene Reihe greift vor dem Hintergrund der geschichtlichen Bedeutung des Schwörtages jeweils ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema auf. ?

Der Schwörtag war die Seele der reichsstädtischen Verfassung. In einem ausgeklügelten, eine Woche dauernden Wahlvorgang wurden alljährlich in der Woche nach dem Ulrichsfest (4. Juli) die Ämter und der Rat der Stadt neu besetzt.

Vortrag: Unter dem Titel „Die Wiederkehr der Städte –Zivilgesellschaft als urbanes Lebensprinzip? spricht in diesem Jahr der bekannte Berliner Kulturwissenschaftler Professor Dr. Wolfgang Kaschuba über ein Thema der modernen Urbanitätsforschung. Der Referent schreibt dazu: „Unsere Städte haben eine lange und stolze Geschichte, die uns auch den Mythos von der besonderen „Europäischen Stadt“ hinterlassen hat. (…) Traditionen wie der Schwörtag verkörperten Ursache wie Ausdruck dieses alten Selbstbewusstseins. Dass wir diese Traditionen heute nun wiederentdecken und wiederbeleben, hat mindestens zwei Ursachen: Zum einen und zunächst jene tiefe Krise der Stadt als Wohn- und Lebenswelt in den gut 40 Kriegs- und Nachkriegsjahren – Alexander Mitscherlichs damalige Diagnose von der „Unwirtlichkeit der Städte“. Zum andern dann und umgekehrt jene neue Blüte von Stadtkultur und Zivilgesellschaft, die seit den 1990er-Jahren Bäume und Plätze, Geschichte und Architektur, Stadtstrände und Events, Flüchtlingen und Füchse in ihre fürsorgliche Pflege nimmt. Und daraus auch ihre neue Identität schöpft: Wir sind Stadt! Oder in den Worten des schwedischen Philosophen Ikea: Wohnst Du noch oder lebst Du schon? - Dieser Frage und anderen will der Vortrag nachgehen.“ ?

Wolfgang Kaschuba ist in Göppingen aufgewachsen und erhielt seine wissenschaftliche Prägung am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft. Nach Promotion und Habilitation wurde er 1992 auf den Lehrstuhl für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin berufen, dessen Direktor er bis zu seiner Emeritierung im vergangenen Jahr war. Danach wurde er Geschäftsführender Direktor am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung, einer Einrichtung für Forschung und Politikberatung auf dem Feld einer der zentralen Herausforderungen dieser Tage. ?

Prof. Kaschuba ist ein viel und gerne nachgefragter Berater, Podiumsgast und Gesprächspartner für Politik, Medien und Wissenschaft. Seine Beiträge zur Erfoschung von Alltag und Kultur in der europäischen Moderne, zu nationalen und ethnischen Identitäten, zur Stadt- und Metropolenforschung finden regelmäßig ihr Echo weit über Fachkreise hinaus. Zu seinem Thema heute hat sich der Referent auf einschlägigen Foren immer wieder geäußert, an einer Stelle sprach er vom Stadtraum als „bürgerschaftlichem Laboratorium“ und von einer regelrechten „Revolution unserer Städte“, die sich durch neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe und Interventionen im Stadtraum abzeichne. ?

Im Anschluss an der Vortrag laden Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und der Reutlinger Geschichtsverein zu einem Stehempfang ein. Der Eintritt ist frei. Der Zugang zum Rathausfoyer ist auch diesmal über die Freitreppe vom Marktplatz her möglich. Von der Tiefgarage Rathaus aus ist der Zugang über den Aufzug auch direkt möglich.

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