Reutlingen Festliche Illumination zur Eröffnung

Die Aufnahme von  1947 zeigt hinter austreibenden Frühlingsbäumen das „Technikums“-Gebäude in der Kaiserstraße 99, wie es sich seit dem 1903 begonnenen Ausbau nach Plänen von Philipp Jakob Manz (1861–1936) präsentierte: als drei- bis vierstöckige repräsentative Schulfassade.
Die Aufnahme von  1947 zeigt hinter austreibenden Frühlingsbäumen das „Technikums“-Gebäude in der Kaiserstraße 99, wie es sich seit dem 1903 begonnenen Ausbau nach Plänen von Philipp Jakob Manz (1861–1936) präsentierte: als drei- bis vierstöckige repräsentative Schulfassade. © Foto: Stadtarchiv Reutlingen
Reutlingen / SWP 30.09.2016
Jubiläum aus lokalhistorischer Sicht: Am Montag, 3. Oktober, jährt sich zum 125. Mal die Einweihung des Gebäudes der "Spinn- und Webschule" in der Kaiserstraße 99.

In der Stadt steht der 3. Oktober nicht nur für die 26. Wiederkehr des „Tags der Deutschen Einheit“ von 1990. Aus lokalhistorischer Sicht jährt sich an diesem Tag auch zum 125. Mal die Einweihung des Gebäudes der „Spinn- und Webschule“ in der Kaiserstraße 99. Bis weit in die Zeit der deutsch-deutschen Teilung nach 1945 besaß diese Fachschule als sogenanntes Reutlinger „Technikum“ auch jenseits von Stadt-, Landes- und Staatsgrenzen einen ausgezeichneten Ruf.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Reutlingen zu einem prosperierenden Industriestandort, an dem die Textilindustrie dominierte. Wegen des landesweiten Bedarfs an entsprechenden Fachkräften war es bereits 1855 in Reutlingen zur Gründung einer sogenannten „Webschule“ gekommen, die man ab 1858 im Spendhaus eingerichtet hatte.

Aufgrund steigender Nachfrage nach Führungskräften wurde nach Plänen von Bezirksbauinspektor Gustav Landauer (1853 – 1926) schließlich in der Kaiserstraße der Zweckbau einer „Spinn- und Webschule“ in Angriff genommen, der dann am 3. Oktober 1891 eingeweiht werden konnte.

Die damaligen Kosten von rund 200 000 Mark für ein – so die Stadtchronik – „der Neuzeit entsprechendes Gebäude“ teilten sich das Königreich Württemberg und die Stadt Reutlingen sowie der auf eine Gründung Reutlinger Unternehmer zurückgehende „Webschulverein“. Bei den Feierlichkeiten am 3. Oktober gab es auch einen Festzug von den alten Räumen in der Spendhausstraße zu den neuen „Anstaltsgebäuden“. Hier konnten neben der „inneren Einrichtung der Schule“ auch die „in Betrieb gesetzten Maschinen“ besichtigt werden, also sowohl das zur Kaiserstraße hin gelegene Hauptgebäude selbst wie auch der rückwärtige Sheddach-Bau. Mehr als ein Jahrzehnt vor Inbetriebnahme des Reutlinger Elektrizitätswerks 1904 wurde der Neubau an jenem 3. Oktober  um 18.30 Uhr von einer „festlichen Beleuchtung mit elektrischem Licht“ illuminiert. Den Strom hierfür lieferte eine im Dampfmaschinenhaus aufgestellte „Compound-Dynamomaschine mit 65 Volt“.

Ab 1892 übernahm Otto Johannsen (1864 – 1954) die Schulleitung. Unter ihm entwickelte sich die „Fachschule für Spinnerei, Weberei, Wirkerei und Färberei zu Reutlingen“ rasch zu einem international renommierten „Technikum für Textilindustrie“. Bereits im Vorfeld des 50-jährigen Jubiläums der Webschulgründung 1905 wurde eine weitreichende bauliche Erweiterung notwendig und unter anderem das Hauptgebäude um ein Stockwerk erhöht. Die Pläne hierfür lieferte das renommierte Stuttgarter Industriearchitekturbüro von Philipp Jakob Manz (1861–1936).

Die weitere Schulentwicklung war insbesondere geprägt von der Standortverlagerung in den Hohbuch zwischen 1975 und 1987. Hier wandelte sich die „Fachhochschule für Technik und Wirtschaft“ in jüngster Zeit zur „Reutlingen University“. Das Areal zwischen Kaiser-, Burg- und Bismarckstraße wurde im Zeitraum von 1993 bis 1998 von der Polizei bezogen. Unabhängig von seiner gewandelten Nutzung ist insbesondere das Backsteingebäude Kaiserstraße 99 seit 125 Jahren eine herausragende architektonische Visitenkarte der Reutlinger Oststadt.

Aus Anlass dieses Jubiläums zeigt das Stadtarchiv in den Wandvitrinen vor seinen Diensträumen im Rathaus-Erdgeschoss bis Ende Januar 2017 eine kleine Archivalienschau. Zu sehen sind hier unter anderem eine Ansicht des Gebäudekomplexes aus einem Schulprospekt von 1897, aber auch eine Fotografie aus jener Zeit, auf der Schüler und Schulvorstand in der Spinnereiabteilung der „Lehranstalt“ Aufstellung genommen haben. Die kleine Ausstellung kann zu den Öffnungszeiten der Rathaus-Eingangshalle besichtigt werden.

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