Das „Festival of Christmas Carols“ zählt in England zur Weihnachtstradition. Berühmt sind die Aufführungen des King’s College der Cambridge-Universität, die jährlich in der BBC live übertragen werden. Nicola Vollkommer, gebürtige Engländerin, Cambridge-Absolventin und seit mehr als 30 Jahren in Reutlingen zuhause, hat diese Tradition vor drei Jahren erstmals in die Marienkirche gebracht. Mit überragendem Erfolg.

Frau Vollkommer, das war ja eher ein Versuchsballon, als Sie vor drei Jahren das „Festival of Christmas Carols“ in der evangelischen Marienkirche starteten. Wie kamen Sie eigentlich auf diese doch gewagte Idee?

Nicola Vollkommer: Ich habe die Marienkirche immer geliebt, diese Gotik, der Blick, der nach oben gezogen wird. Dann bekam ich Besuch von einer alten Freundin aus England. Ihr Sohn war zu der Zeit Orgel-Stipendiat in Stuttgart. Wir liefen durch die Stadt und ich zeigte ihr die Marienkirche. Und da hatten wir zeitgleich die Idee: Das wäre doch ideal für ein „Festival of Carols“. Sie bot an, dass ihr Sohn mit der Orgel begleiten könnte. Ich fragte bei Pfarrerin Sabine Großhennig an und sie hat sich auf das Projekt eingelassen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Jetzt müssen Sie uns aber erst einmal erklären, was es mit der Zeremonie und den Carols auf sich hat.

Das Ganze hatte seinen Ursprung in der Cambridge University, aber ist jetzt überall in England Brauch. Es sind neun Weihnachts-Choräle und neun Texte aus der Bibel im Wechsel, Texte in der schönen alten englischen Sprache. Von der Länge her dauert dies etwa eine Stunde. Es müssen nicht immer dieselben Texte sein, aber es sind Texte, die die Heilsgeschichte erzählen von Anfang an. Es geht also von der Schöpfung und dem Sündenfall bis zur Offenbarung, dem letzten Buch in der Bibel, wo es heißt, dass Jesus alle Tränen abwischen wird. Es sind auch Gebete dabei. Aber jeder kann es so machen, wie er es möchte.

Die Textgrundlage ist eine alte, traditionelle Übersetzung der Bibel.

Ja genau, die King James Bible, die ist vergleichbar mit der Luther-Übersetzung. Die Texte sind einfach vertraut.

Gleich beim ersten Mal war die Marienkirche voll. Ebenso wie die beiden Jahre darauf. Was begeistert denn die Menschen an diesem „Festival of Carols“?

Es ist ein Mitsing-Gottesdienst.

Aber nicht alle Leute können Englisch.

Es gibt ein Programmblatt, worauf alles übersetzt ist und die Melodien sind ja vertraut, so dass jeder für sich mitsingen kann.

Schon erstaunlich, dass alte Choräle so viele Menschen anziehen und eine ganze Kirche füllen.

Diese Lieder wurden ja nicht für eine grandiose Aufführung geschrieben. Es waren Lieder für jedermann, nicht für schicke Bühnen. Die Lieder waren und sind für das gemeine Volk, denken wir an die Geschichte von Stille Nacht. Diese Lieder und Choräle sind nichts Elitäres, sie sprechen die ganz normalen Menschen an.

Aus so „ganz normalen Menschen“ besteht ja auch der Chor. Wie viele Chorsänger und Chorsängerinnen und wie viele Vorleser machen denn in diesem Jahr mit?

Der Chor wird jedes Jahr neu zusammengestellt, jeder kann mitmachen und diesmal sind wir rund 120 Leute im Chor und etwa zehn Vorleser, die meisten sind englische Muttersprachler. An der Orgel wird uns wieder Freddy James begleiten, wie in den Jahren zuvor. Er arbeitet inzwischen in Basel kommt extra für das Festival of Carols hierher. Wir hatten nie Mangel an Sängern. Ich und Rebecca Vöhringer, die den Chor leitet, proben dann ein paar Mal und dann gibt es die Aufführungen.

Inzwischen sogar in zwei Kirchen. Sie haben das „Festival of Carols“ auch in die Stiftskirche  Dettingen ausgeweitet. Doch kommen wir nochmal auf den Inhalt zurück: Kirchen wird ja vorgehalten, sie seien zu altbacken, sie sollten moderner und hipper werden. Das „Festival of Carols“ füllt eine Kirche mit alten Liedern und Bibeltexten. Wie geht das zusammen?

Die Menschen sind unglaublich bewegt, gerade durch die alten Texte und die alten, vertrauten Lieder. Auch diese Bibeltexte geben ja Halt. Es sind Lieder und Texte, die Trost vermitteln. Denn diese Worte stammen ja aus harten Zeiten, die entstanden nicht in Wohlstandszeiten. Gerade deshalb geben sie Hoffnung. Die Liederdichter, aber auch die Kirchenväter waren nah am Leben, nah an Leid und Tod. Und gerade deshalb können sie die Menschen in allen Generationen ansprechen.

Also zurück zu alten Liedern?

Ich mag moderne Lieder auch sehr. Aber ich denke, die Dynamik liegt in der Botschaft. Wenn das, was an Weihnachten passiert ist, wirklich wahr ist, dann ist das doch eine krasse Sache und hat auch auf mein Leben Auswirkungen. Daraus kommt die Dynamik. Egal ob mit Orgel oder Bass-Gitarre.

Was erhoffen Sie sich für die Festivals in Dettingen und Reutlingen in diesem Jahr?

Dass Weihnachtslieder lebendig werden in den Herzen der Menschen. Vor allem derjenigen, die in Nöten sind. Diese Lieder wurden als Licht für die Dunkelheit geschrieben, nicht als Ohrenschmaus für die Erfolgreichen. Die 2000 Jahre alte Geschichte, dass Gott in unsere Dunkelheit hineinkam, das ist das Evangelium und das hat sich bis heute nicht geändert.

Zweimal „Festival of Carols“


Das nächste „Festival of Carols“ mit englischen Weihnachtsliedern und Texten ist am Sonntag, 8. Dezember, von 18 Uhr an in der  Marienkirche in Reutlingen und bereits am Freitag, 6. Dezember, ab 19 Uhr in der Stiftskirche in Dettingen.