Feste Größe in der Stadt

RALPH BAUSINGER 03.05.2014

Vor 50 Jahren, am 1. April 1964, übernahm die Robert Bosch GmbH das Areal und die Werkshallen des Textilbetriebs Ulrich Gminder - rückblickend "ein Glücksfall für die Stadt", wie OB Barbara Bosch in ihrem Grußwort im Begleitkatalog zur Ausstellung "Bosch und Reutlingen. 50 Jahre Automobilelektronik und Arbeitswelten" schreibt. Die Ansiedlung des Weltunternehmens war ein "wichtiger Beitrag, um den Strukturwandel vor Ort von der Textil- und Maschinenbauindustrie hin zu modernen Hightech- und Dienstleistungsunternehmen zu gestalten".

Die Ausstellung im zweiten Obergeschoss des Heimatmuseums bietet eine gute Mischung und Exponaten aus der Bosch-Geschichte - von unterschiedlichen Scheinwerferarten über Steuerungsgeräte verschiedener Generationen bis zu mikromechanischen Sensoren, die erkennen, ob ein Handy auf der Vorder- oder Rückseite liegt. Zu sehen ist beispielsweise ein Parrot AR Drawl, ein von Bosch Sensortec entwickeltes, ferngesteuertes Luftfahrzeug. Der Helikopter, für den Einsatz in virtuell-realen Spielen entwickelt, wird zunehmend für Versuche in Forschung und Ausbildung genutzt.

Die Schau lässt aktuelle wie ehemalige Boschler zu Wort kommen: vom Fließbandarbeiter über den Entwickler, die Sekretärin, den Kommandanten der Werksfeuerwehr bis zum Kantinenchef. Neben den Informationstafeln, die viel Wissen bereitstellen, können Besucher mit I-Pads ein bestimmtes Thema anhand weiterer Texte, Fotos oder Videos vertiefen.

Die Zusammenarbeit zwischen Bosch und der Achalmstadt reicht über 50 Jahre zurück - bereits im Zweiten Weltkrieg hatte das Unternehmen unter anderem Magnetzünder in Reutlingen hergestellt. Das Ausstellungssegment "Produktgeschichten" ist in vier Abschnitte untergliedert: Auf die Anfangsjahre (1964 bis 1967) folgt "Die Zukunft fährt mit Elektronik" (1967 bis 1973). 1968 beschloss die Geschäftsführung eine Halbleiterfabrik in Reutlingen zu bauen, die drei Jahre später nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten die Produktion aufnahm. Die Jahre 1974 bis 1989 stehen unter dem Motto "Sicher, sauber und sparsam", während der vierte Zeitabschnitt unter der Idee "Neue Entwicklungen für eine moderne Welt" (1990 bis 2014) steht. Sie lässt die Besucher nachvollziehen, wie der Bosch-Standort Reutlingen "stets am Puls der Zeit" war und damit wichtige Meilensteine zur Mobilität lieferte. Hier seien nur an das Stabilisierungsprogramm ESP oder das Antiblockiersystem genannt.

Neben Produkten legt die Schau großen Wert auf die Arbeitswelten und Unternehmenskultur, informiert über die großen Arbeitskämpfe wie den Streit um die Einführung der 35-Stunden-Woche. Walter Bauer, als Betriebsratsvorsitzender 1984 mit an vorderster Front, kann sich noch gut an den heftigen Konflikt erinnern: "Wir waren der Betrieb, der 1984 vom ersten bis zum letzten Tag in der Auseinandersetzung war . . . Später hatte ich immer Sprüche oder Zitate von (Robert) Bosch bei Verhandlungen dabei. Es hat die andere Seite getroffen, wenn man ihn zitiert hat", ist als Kurzzitat zu lesen.

Die Ausbildung hatte von Anfang an einen hohen Stellenwert, bereits 1965 wurde die Lehrwerkstatt eingerichtet. "Die Ausbildung war damals für die Gegend eine Revolution", weiß Siegfried Wagner, ein Bosch-Azubi der ersten Stunde. "Bei Bosch war es eine echte, reine Lehrwerkstatt. Nicht wie in vielen anderen Betrieben, in dem die Auszubildenden viele Nebentätigkeiten machen mussten, die mit ihrem Beruf gar nichts zu tun hatten", wie sich der spätere Elektromeister erinnert.

Aber auch Themen wie den Büroalltag, die Kantine, die Sozialfürsorge oder den Unternehmensschutz, oder die Werksfeuerwehr reißt die Ausstellung an. Gemeinsame Mitarbeiteraktivitäten wurden von Bosch unterstützt - vom Fußballspielen bis zum Angeln. Daneben gab es Gruppen für Gymnastik, Schwimmen und Segeln.

Die Resonanz auf die Schau sei sehr gut, sagt Aufsicht Martina Wagner - nicht nur bei aktiven oder ehemaligen Mitarbeitern des größten Reutlinger Arbeitgebers.

Umfassendes Begleitprogramm