Einen ersten Fingerzeig über das Ergebnis der Kommunalwahl gab es im Rathaus-Foyer bereits um 10 nach 10, als 18 von 86 Wahlbezirken ausgezählt waren. Auf dem Großbildschirm wurde die CDU mit elf, die SPD mit acht, die Grünen mit sieben und die FWV mit sechs gehandelt - alles in allem keine sonderlichen Überraschungen. Die Linke hingegen wurde ebenso wie WiR gleich mit drei Sitzen notiert, und die Liberalen, bereits bei der Europawahl gebeutelt, stürzten von vier auf zwei Mandate ab, halbierten sich sozusagen.

Kurz vor der Mittagspause versammelten sich etliche Kiebitze, darunter selbstredend auch eine Reihe von Gemeinderatskandidaten, im Rathaus-Foyer vor dem Bürgeramt und verfolgten die Entwicklung des Auszählens der insgesamt 86 Reutlinger Wahlbezirke auf dem Bildschirm.

Plötzlich kam Unruhe auf, denn die Linke verlor ein Mandat an die CDU und war somit nicht mehr fraktionsstark. Dabei fing das Rennen zwischen Rüdiger Weckmann und Steffen Jung gerade an, richtig spannend zu werden. Bei der CDU ging es ebenfalls ganz eng zwischen Philip Schwaiger und Andreas Benz her. Am Ende schaffte es jedoch keiner von beiden.

Ebenfalls interessant war das Wechsel-dich-Spielchen bei den Grünen, wo sich Lehrer Hans Gampe, TSG-Vorsitzender Tom Bader und Njeri Kinyanjui um den - bereits zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich sicheren - siebten Platz stritten, den letztlich die Diplom-Volkswirtin erreichte und für ein Novum sorgt: Die 50-Jährige ist die erste dunkelhäutige Reutlinger Stadträtin. Übrigens: Bei den Grünen ist künftig ohnehin Frauen-Power angesagt. Das weibliche Geschlecht ist nämlich in der Fraktion mit vier Vertreterinnen in der Mehrheit. Nachdem 85 von 86 Stimmbezirken ausgezählt waren, jubelte die CDU noch über ihren zwölften Sitz, den Reiner Linsenbolz inne hatte. Doch dann kam noch ein Briefwahlbezirk - und die Stimmung schlug um. Der zwölfte Sitz war wieder weg, zugunsten von Dr. Carl-Gustav Kalbfell, der eigentlich schon draußen gewesen war. Die FDP hatte es somit auf der Zielgeraden gerade noch so geschafft, mit Hagen Kluck und Newcomerin Regine Vohrer, der Frau des verstorbenen ehemaligen FDP-Fraktionsvorsitzenden Julius Vohrer, wenigstens wieder Fraktionsstatus zu erreichen.

Hagen Kluck, mit 8892 Voten Stimmenkönig bei den Liberalen, sagte, die FDP sei noch einmal mit "zwei blauen Augen" davongekommen. Der Genosse Trend schlage in den Städten mehr durch als auf dem Land. Der 70-Jährige ist "sehr zufrieden", dass man den Fraktionsstatus habe retten können.

Keine Mandatsveränderung nach oben oder unten bei der Freien Wählervereinigung. Doch was heißt das schon. Schon früh war deutlich, sollte die FWV nicht einen siebten Platz bekommen, dann wird es für einen nicht reichen. Listenführer Hans Hubert Krämer war eigentlich ein sicherer Kandidat, aber er fiel böse hinten runter - eine ganz herbe Enttäuschung. "Wir haben zwar prozentual zugelegt, aber dafür können wir uns nichts kaufen", zuckte der wiedergewählte Kurt Gugel mit der Schulter.

Für viele Beobachter war es überraschend, dass WiR erneut mit drei Sitzen im Gemeinderat vertreten sein wird - und das nach, wie wir berichtet hatten, gewissen "Irritationen" im Vorfeld der Wahl mit dem Ärger zwischen dem WiR-Verein und Dr. Werner Felix Schobel, der auf der SPD-Liste auf Rang zehn einlief. Prof. Jürgen Straub jedenfalls freute sich, dass WiR "allen Unkenrufen zum Trotz" bei der Kommunalwahl Erfolg hatte. Dies zeige, dass es dem Bürger etwas wert sei, eine Gruppierung im Rat zu haben, die nicht auf Parteipolitik aus sei.

Enttäuschung hingegen bei den Sozialdemokraten, die mit einem Sitz weniger aus dem Rennen hervorgingen. Fraktionschef Helmut Treutlein wies zwar darauf hin, dass die SPD ihr Ergebnis in etwa gehalten habe, aber der Sitzverlust sei klar dem neuen Rechenverfahren geschuldet. Aber, so Treutlein, "das ist eben Demokratie".

Thomas Ziegler, "Stimmenfänger" bei den Linken, nannte den nunmehr zweiten Sitz im Rat durch Jessica Tatti einen "Sprung vorwärts". Damit lasse sich künftig bedeutend besser arbeiten als bisher. Noch lieber wäre dem Rechtsanwalt jedoch gewesen, wenn sich die ersten Hochrechnungen bestätigt und man drei Mandate erhalten hätte.

Und was sagt der neue Stimmenkönig der Kommunalwahl, CDU-Fraktionschef Andreas vom Scheidt. "Wir haben uns stabilisiert unter positiven Vorzeichen." Es könnte sich schon ausgezahlt haben, dass die Christdemokraten gegenüber der Verwaltung bisweilen politisch "Kante gezeigt" haben.

Online-Info www.swp.de/reutlingen/kommunalwahl_bw