"Jekyll & Hyde": ein Musical-Urgestein. Broadway-Premiere 1997, Deutschland-Premiere 1999, Millionen Zuschauer weltweit, die das auf einem Roman von Robert Louis Stevenson basierende Stück seither gesehen haben. Und nun hat sich also die Musical-AG des Bildungszentrums Nord (BZN) dieses Mega-Klassikers angenommen: 50 Darsteller, 35 Orchestermusiker, 20 Bühnenbildner und Techniker - über 100 junge Menschen also, um die man anfangs fast ein wenig bangt angesichts dieses Abenteuers, das auch professionelle Musical-Compagnien vor so manche Herausforderung stellt.

Allen voran die Titelrolle, die eigentlich zwei Rollen umfasst: der junge Arzt Dr. Jekyll, der besessen ist von seinem Ehrgeiz, Gut und Böse mittels Medikament voneinander trennen und so den Wahnsinn heilen zu können. Der Selbstversuch gebiert die blutrünstige Bestie Edward Hyde, die mordend durch Londons Straßen zieht. Beide Charaktere gelingen Simon Kirschner geradezu sensationell.

Er steigert sich mit jeder Verwandlung, die sich optisch nur durch Frisur, Mantel und unheilschwangeres grünes Licht ankündigt, spielt gekonnt mit kontrastierenden Stimmfarben und läuft schließlich in der "Konfrontation", dem faszinierenden Zwei-in-Einem-Song des Musicals, zur Hochform auf, von der sich manch Profi noch ein Scheibchen abschneiden könnte.

Kirschner muss aber nicht nur zwei gänzlich unterschiedliche Männer unter einen Hut bringen, sondern obendrein darauf achten, dass er nicht von den beiden starken Frauenfiguren des Stücks an die Wand gespielt wird. Da ist die Prostituierte Lucy Harris (umwerfend: Elena Drammis), die sich nach einem besseres Leben an der Seite Dr. Jekylls sehnt, tatsächlich aber rasch zum Objekt der Hydeschen Begierde wird - mit tödlichen Folgen.

Elena Drammis und das keck bestrapste Ensemble sind es auch, die mit ihrem frech-lasziven "Schafft die Männer ran" den Funken zwischen Akteuren auf der Bühne und Publikum endgültig überspringen lassen. Gesanglich wie darstellerisch großartig aber auch Christin Stanowsky, die als Jekylls Verlobte Lisa Carew am Ende beinahe auf ihrer eigenen Hochzeit dem mordenden Alter Ego ihres Zukünftigen zum Opfer fällt und zuvor etwa in "Da war einst ein Traum" mit glockenheller Stimme und Ausdrucksstärke überzeugt.

Um diese drei, die gut und gerne zu den nächsten Auditions, wie die Castings in der Branche genannt werden, ins Stuttgarter SI fahren könnten, versammeln sich viele weitere bemerkenswerte Charaktere, etwa Gabriel John Utterson (überzeugend: Michael Stanowsky), Jekylls Anwalt und treuer Freund mit entscheidender Auswirkung aufs Ende des Stücks. Bleibenden Eindruck hinterlässt auch das Ensemble, das Stücke wie "Fassade" oder "Mörder" personenstark und tänzerisch effektvoll in Szene setzt.

Nicht minder beeindruckend das Orchester, das das fesselnde Bühnengeschehen fast schon mit einem eigenständigen Kunstwerk abrundet. Bühnenbildner und Beleuchter machen das Beste aus den Rahmenbedingungen des Mehrzweckbaus Wittumhalle. Wenn sich heute Abend also die Toto-Lotto-Jury für den Musiktheater-Preis unters Publikum mischt, muss es sicherlich keinem bange sein.

Info "Jekyll & Hyde", heute, 20.30 Uhr, Wittumhalle, Karten an der Abendkasse erhältlich.