Reutlingen Fahrverbote nicht vom Tisch

Die Messstelle Lederstraße-Ost: Irritationen gab es über hohe Werte trotz tageszeitbedingten geringen Verkehr. Das Regierungspräsidium erklärt dies mit der Witterung.
Die Messstelle Lederstraße-Ost: Irritationen gab es über hohe Werte trotz tageszeitbedingten geringen Verkehr. Das Regierungspräsidium erklärt dies mit der Witterung. © Foto: Eissler
Reutlingen / Carola Eissler 15.12.2018

Das Regierungspräsidium hat den Mitgliedern des Bau-, Verkehrs- und Umweltausschusses am Donnerstagabend der Luftmessungen quer über das Jahr verteilt vorgelegt. Grund war ein Antrag der WiR-Fraktion, die in den Werten, die im Internet abrufbar sind, Auffälligkeiten ausgemacht hatte. So zum Beispiel relativ hohe Werte bei abnehmendem oder geringem Verkehr.

Die Vertreterin des Regierungspräsidiums und das Ingenieurbüro Lohmeyer aus Karlsruhe, das den Luftreinhalteplan in Reutlingen begleitet, erklärten dies mit Witterung, Windgeschwindigkeit und Ozonwerten. Keinesfalls liege dies an falschen Messungen, wie seitens der WiR-Fraktion vermutet worden war. „Der Abbau von Schadstoffen braucht Sonnenlicht“, so Torsten Nagel vom Büro Lohmeyer. Dies erkläre, weshalb die Werte bei geringem Verkehr in der Nacht manchmal nicht zurückgehen. Erhellend waren die Messwerte allerdings in anderer Hinsicht. Denn trotz des Ende 2017 eröffneten Scheibengipfeltunnels und des wesentlich geringeren Verkehrs in der Lederstraße, werden an der dortigen Messstation immer noch Werte gemessen, die in Spitzenzeiten bis auf über 100 Mikrogramm Stickstoffdioxid steigen, das zweieinhalbfache des Grenzwerts. Zwar ist aufs Jahr gerechnet der Durchschnittswert entscheidend, doch der wurde jetzt gerade mal auf 54 Mikrogramm gedrückt, von einst 65. Trotz tausender Fahrzeuge, die inzwischen statt durch die Lederstraße über den Scheibengipfeltunnel rollen. Fazit: Der Verkehr geht zurück, die Grenzwerte werden aber dennoch nicht eingehalten.

Jürgen Fuchs (FWV) fragte die Verwaltung, ob man die Prognose im Luftreinhalteplan jetzt nicht überarbeiten müsse. „Die Grenzwerte erreichen wir bei weitem nicht.“ Und ob man denn auf Diesel-Verbote zusteuere, wollte er von Bürgermeisterin Ulrike Hotz wissen. „Durch das Thema Fahrverbote sind wir noch nicht durch“, räumte Hotz ein. „Wir unternehmen aber alle Anstrengungen.“ Die Lkw-Fahrverbote würden jetzt noch stärker kontrolliert. „Anfang 2019 werden wir uns damit befassen, wie wir in Reutlingen ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge vermeiden können“, betonte Hotz.

Holger Bergmann (Grüne) zeigte sich unzufrieden mit den bisherigen Maßnahmen der Stadt. „An 85 Prozent der Tage im Jahr werden die Grenzwerte überschritten.“ Bergmann listete die seiner Ansicht nach großen Mängel in Reutlingen auf: Beim Fußverkehr gebe keine Verbesserung, beim Radverkehr seien gerade mal zwei Fahrradstraßen eingerichtet worden. „Allerdings fahren in der Charlottenstraße immer noch mehr Autos als Fahrräder“, beklagte Bergmann.

Annette Seiz (CDU) monierte, dass man sich allein auf die Lederstraße konzentriere. „Dabei haben wir in Betzingen einen eklatanten Anstieg des Verkehrs.“ Und Jürgen Straub (WiR) erinnerte daran, dass die Prognosen weitaus besser gewesen seien als jetzt die tatsächlichen Messwerte.

Susanne Müller von den Grünen fand die ganze Diskussion um Messwerte müßig. „Wir sollten als Gemeinderat das Signal an die Bevölkerung aussenden: Lasst das Auto stehen.“

Die Stadt will die Messgeräte vom Umweltministerium nochmals prüfen lassen, auch bezüglich des Standorts und der Überdachung. Dennoch ist das Fazit des Regierungspräsidiums eindeutig: Es gebe keine Auffälligkeiten in Reutlingen. Denn die Werte anderer Städte bei identischen Tagen und Uhrzeiten sehen gleich aus, wie die RP-Vertreterin am Beispiel von Heilbronn aufzeigte.

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Mikrogramm Stickstoffdioxid ist der Mittelwert, der derzeit an der Messstation Lederstraße im Jahresschnitt gemessen wird. Vor Inbetriebnahme des Tunnels lag der Wert bei 65.

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