Reutlingen Expressiv in vielen Feldern

Ulrich Lukaszewitz feierte gestern seinen 75.. Die Vernissage am Samstag an der Kunstwand des franz.K mit der Reproduktion seines Bildes empfand er als „wunderschönes Geschenk“.
Ulrich Lukaszewitz feierte gestern seinen 75.. Die Vernissage am Samstag an der Kunstwand des franz.K mit der Reproduktion seines Bildes empfand er als „wunderschönes Geschenk“. © Foto: Peter U. Bussmann
Von Peter U. Bussmann 09.07.2018

Das Werk von Ulrich Lukaszewitz, den die meisten nur „Luka“ nennen, springt ins Auge. Für den Künstler, der am gestrigen Sonntag seinen 75. Geburtstag feierte, ist der drei mal vier Meter große farbenfrohe reproduzierte Druck, der als viertes Werk die Kunstwand des franz.K an der viel befahrenen Gutenbergstraße ziert, „besser als das Original“, räumte er bei der Vernissage am Samstagnachmittag ein. Im Original ist das Ölgemälde ein mal anderthalb Meter groß und Teil  eines Triptychons, das sich dem Wirken des Prager Rabbiners Judah Löw im Mittelalter und der von ihm geschaffenen Kunstfigur des Golem widmet. Hier an der exponierten Wand für darstellende Kunst „wirkt es fast wie ein Kirchenbild“, staunt Lukaszewitz.

Was trieb „Luka“ eigentlich zuerst um – die Politik oder die Kunst? Immerhin wurde er schon 1968 mit 25 Jahren jüngster Gemeinderat im Land, war von SPD-OB Oskar Kalbfell auf die Liste gesetzt worden. Schon mit 18 war der gebürtige Reutlinger in die SPD eingetreten und mischte als Juso-Vorsitzender die Kommunalpolitik auf. Doch seine künstlerischen Wurzeln reichen noch weiter zurück.

Er besuchte bis zum Abitur 1963  das Staatliche Aufbaugymnasium in Nagold, ein Internat, in dem „die musikalisch-künstlerische Erziehung im Vordergrund stand“, erzählte er bei seiner ersten großen Ausstellung vor sechs Jahren in der Volksbank. Besonders profitierte er vom Kunstunterricht bei Dozent Hermann Ehninger, der ihm vieles beibrachte, „das ist bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen“. Und so wurde die Malerei – neben Frankreich und der Politik – eine der drei Leidenschaften seines Lebens und zur persönlichsten.

In der bildenden Kunst fand er auch Kontakt zu anderen regionalen Künstlern. Anregungen bekam er etwa von HAP Grieshaber, mit dem ihn auch politisch eine Freundschaft verband. Auch dessen wichtigster Schüler Walter Stöhrer beeinflusste den jungen Künstler. Freundschaftlich verbunden war er politisch und künstlerisch auch mit Heinrich Pfingsten. Mit 18 Jahren schon nahm „Luka“ an einer Gemeinschaftsausstellung im Reutlinger Spendhaus teil.

Während des Studiums der Romanistik, Geschichte und Politikwissenschaften an der Uni Tübingen und des Zusatzstudiums an der PH Reutlingen in Psychologie und Pädagogik trat die Malerei etwas in den Hintergrund. Doch sein Hang zu Frankreich bescherte ihm einen ungeahnten Perspektivwechsel: Bereits 1964 war er zum Vorsitzenden der Deutsch-Französischen Gesellschaft gewählt worden und pflegte zahlreiche Kontakte zu Franzosen in der Garnisonsstadt Reutlingen. So lernte er auch Emmanuel Suchet kennen, der hier als „Képi“ seine Wehrpflicht  ableistete. Emmanuels Vater Napoleon Suchet, der den Herzogtitel Duc d’Albufera trägt, war in den 60ern Chef vom Dienst bei der Pariser Tageszeitung „Le Figaro“. Diese Connection bescherte ihm als erstem Deutschen ein Praktikum bei dem renommierten Blatt. Die Freundschaft zu Emmanuel Suchet besteht bis heute.

Bei der Arbeit in Paris lernte  Luka Georges Mathieu kennen, einen bekannten Vertreter des Tachismus. Diese Richtung der abstrakten Malerei sucht Empfindungen durch spontanes Auftragen von Farbe auf die Leinwand auszudrücken. „Abstrakter Expressionismus, Art Brut, Action Painting, auch der Fauvismus eines Matisse werden für ihn prägend, Vorbilder wie Jackson Pollock oder Antoni Tapies oder Lothar Quinte sind spürbar“, hatte sich Sarah Petrasch vom franz.K zur Vernissage schlau gemacht.

Seine Brötchen verdiente Luka indes profaner. Nach einer ersten Stelle als Lehrer in Dettenhausen wechselte er bald an die Eichendorff-Realschule. Hier unterrichtete er 40 Jahre, 20 Jahre davon als Vertrauenslehrer, begleitete tausende junger Menschen. 2006 ging er hier in Pension.

In Ruhestand gehen will er im kommenden Jahr auch bei seiner zweiten Passion. Wenn wieder Gemeinde- und Kreisräte gewählt werden, hat er bereits mehr als 50 Jahre im Ehrenamt im Gemeinderat, davon 22 Jahre als Fraktionsvorsitzender, auf dem Buckel. Seit 1971 sitzt er im Kreistag. In beiden Gremien pflegt der alte Taktikfuchs Luka durchaus auch das Expressive, den großen wetternden Auftritt. Heute sagt er verschmitzt lächelnd: „Ich habe mit Oechsle um die Zukunft gerungen, mit dem Schultes gestritten und dessen Nachfolgerin Frau Bosch  geholt und unterstützt.“

Aktuell sei die Stadt gerade im kulturellen und sozialen Bereich auf einem guten Weg. „Es tut sich was in Reutlingen“, lobte er am Samstag: „Wir haben die schmählich abgebrochene Hajek-Skulptur wieder aufgestellt, in der Stadt ist ein neues Kulturkonzept in der Mache, wir haben diese exponierte Wand für Kunst am franz.K geschaffen und wir sind dabei, die bildende Kunst im dreigliedrigen Kunstmuseum neu zu bewerben.“

Doch Luka wäre nicht er, hätte er nicht auch in guten Zeiten ein Haar in der Suppe entdeckt. Er hat sich die Kunst im öffentlichen Raum auf die Fahnen geschrieben, gnadenlos prangert er deren Fehlen an. So auch bei der Vernissage. Die städtischen Verantwortlichen sollten doch einmal „einen Blick auf das Kulturkonzept des Städtetags von 2013 werfen“. Dessen Präsidentin sei OB Bosch ja schließlich gewesen  und sie sei immer noch im Vorstand. In diesem Konzept werde der Kunst im öffentlichen Raum besondere Aufmerksamkeit gewidmet, „Kunst soll hier sich gegen die Kommerzialisierung in der Stadt stemmen.“ Und der Städtetag rät auch, „die alte Praxis, bei öffentlichen Bauten ein gewisses Budget für Kunst zu investieren, wieder einzuführen“.

Persönlich räumt er seit gut zwei Jahrzehnten, als er mit seiner Frau Elke ein Häuschen in den südfranzösischen Cevennen erwarb, der Malerei wieder mehr Raum ein. Inzwischen ist sein Atelier in der Max-Planck-Straße 46 ein beliebter Treff. Und längst hat auch Luka seinen eigenen Stil, den informellen, abstrakten Expressionismus, wie er selbst sagt.

„Seine Bildsprache  ist gelöst, dynamisch, kraftvoll und vielseitig“, sagte Altlandrat Dr. Edgar Wais als Kunstschaffender und Laudator einmal über dessen Kunst. Journalist Wolfgang Alber ist mit dem Zitat überliefert: „Ulrich Lukaszewitz zeigt dialektisch, dass Politik kunstvoll und Kunst politisch sein kann, dass eruptive Ausbrüche ebenso dazu gehören wie subtile Striche. Lukaszewitz ist ein Argumentationsartist und Wortmaler – ein Politiker mit Herzblut. Und Herzblut floss in seine Kunst, die oft ungezähmt wirkt wie seine Reden, aber genauso planvoll wie seine Taktik!“ „Direkte Aktion, die der Politik längst abhanden gekommen ist“, brachte es Sarah Petrasch bei der Vernissage auf den Punkt – und Luka widersprach ihr nicht.

Hoch dekorierter Homo politicus

Uli Lukaszewitz, ein „Homo politicus mit jeder Faser seines Herzens“, so OB Barbara Bosch, wurde vor zehn Jahren für sein langjähriges kommunalpolitisches Engagement und seine Vrdienste um die Völkerverständigung besonders durch den internationalen Kulturaustausch mit Frankreich mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Er ist Träger der goldenen Ehrennadel des Städtetags und des Gemeindetags und hat die Willi-Brandt-Verdienstmedaille erhalten. Besonders stolz ist er auf die französische Auszeichnung „Ordre des Palmes Académiques“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel