Reutlingen / Kathrin Kammerer  Uhr

„Ich wusste schon davor, dass es nicht ohne ist, als Frau nachts wegzugehen“, sagte eine 22-Jährige gestern vor dem Amtsgericht. Sie war als Zeugin im Prozess gegen einen angeblichen Exhibitionisten geladen. Dem Mann wurde vorgeworfen, sich zwischen März und Juni 2018 in mindestens 12 Fällen vor Frauen ausgezogen zu haben, teilweise habe er auch onaniert, so die Anklage. „Es ist auch nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist“, so die junge Frau.

Sie schien das Erlebte deutlich besser hinter sich gelassen zu haben, als andere Zeuginnen, die ebenfalls aussagen mussten. Eine weinte, eine andere wollte gar nicht erst zur Verhandlung kommen. Schließlich kam sie mit Perücke ins Gericht: „Es ist mir unangenehm, ich wollte ihm ungern gegenüber sitzen“, sagte sie. Eine weiteres Opfer, eine 31-Jährige, berichtete Richter Sierk Hamann: „Man fühlt sich eklig, es ist ein sehr unangenehmes Gefühl.“ Ob sich durch den Vorfall etwas an ihrem Ausgehverhalten geändert habe, wollte Hamann wissen. „Ich geh schon noch alleine raus, aber es macht was mit einem, man wird vorsichtiger“, sagte die Frau.

Alle Taten hatten sich im Bereich der Innenstadt ereignet

Die Taten hatten sich alle im Bereich der Innenstadt ereignet: Mal bei der Marienkirche, mal in der Metzgerstraße, mal in der Planie. Einmal war sogar ein neunjähriges Mädchen unter den Opfern – ihre Mutter hatte ihr aber rechtzeitig die Augen zugehalten. Der 25-jährige Angeklagte, ein Grieche, der kein Deutsch spricht, stritt die Taten ab. Er habe immer bis Mitternacht gearbeitet, so sein Verteidiger. Und außerdem sei sein Mandant nicht einwandfrei identifiziert worden.

Und tatsächlich: Die Zeuginnen waren sich alle nicht mehr hundertprozentig sicher, dass der Angeklagte auch der Täter war. Eine hatte Angst, mit ihrer Aussage womöglich jemand Unschuldiges in Gefängnis zu bringen. Eine andere berichtete, dass man ihr bei der Polizei gar keine Lichtbilder gezeigt habe. Sie habe lediglich den Strafantrag unterschrieben. Nochmal eine Zeugin konnte sich noch eindeutig an „große grüne Augen“ erinnern, eine andere an ein Tattoo im Nacken. Das sind jedoch auch keine Hinweise, die für eine Verurteilung reichen. Richter Sierk Hamann hatte erst ein paar Tage zuvor eine Verhandlung gegen einen weiteren Exhibitionisten geleitet. 2018 waren einige in Reutlingen unterwegs gewesen, sagte er. Da sei es natürlich umso schwerer, die Taten auch dem Richtigen zuzuordnen.

Einmal Sperma am Tatort hinterlassen

Was jedoch im jüngst verhandelten Fall jedoch eindeutig war: Einmal hatte der Exhibitionist Sperma am Tatort hinterlassen. Und das konnte dem Angeklagten zugeordnet werden. Nach einer zähen Verhandlung gab er schließlich einen weiteren Fall zu. Am Ende wurde er zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt, zudem muss er drei Jahre in Therapie und 2000 Euro am „Tima“ zahlen, einen Verein in Tübingen, der sich für die Interessen von Mädchen einsetzt.

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