Es wird doch nicht ein Déjà-vu der alten Wein-Mär zwischen Reutlinger und Tübinger Semsakrebsler werden, die vom Schwäbischen Streuobstparadies in Bad Urach ausgelobte erste „Schwäbische Mostmeisterschaft“? Aufgerufen waren zur Premiere Hobby- und Profi-Moster  zwischen Alb, Neckar, Schönbuch und Heckengäu. In Herrenberg präsentierten die Safter und Vergärer ihre trinkbaren Streuobstprodukte über hundert Gästen im altehrwürdigen Gemäuer der „Alten Turnhalle“. Neben vielen Ehrengästen wirkte auch CDU-MdL Friedlinde Gurr-Hirsch, ihres Zeichens Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz, in der Fachjury mit. Dabei ist die 63-Jährige als gebürtige Untergruppenbacherin und Weingärtnerstochter eigentlich eher der Weißwein- und Prosecco-Typ.

Ungeachtet dessen, das an jenem heißen Tag reichlich kredenzte und verkostete heimische Naturprodukt fand Anklang – und ein differenziertes Urteil. Der von Gurr-Hirsch als „eines der ältesten Kulturgetränke Europas“ charakterisierte Most musste bei Profis wie Hobbyisten aus hundert Prozent Kernobst bestehen, zusätzlich gab es für Experimentierfreudigere noch die Soft-Variante des „Hobbymosts als Fruchtmischung“ mit mindestens 50 Prozent Kernobstanteil.

Und schla’ mi’s Blechle – auf dem Podest fanden sich Moster aus allen möglichen Kreisen des Vereinsgebiets, bloß kein Reutlinger! Neidvoll mussten die Experten aus Echaz-, Erms- und Lautertal und vo’ d’r Alb Kollegen der Kreise Tübingen, Böblingen, Esslingen und Zollernalb den Vortritt lassen und sich fragen: Was hat ihrer, was unserer nicht hat? Isch’r etwa et räs’ gnug, oder isch’r doch z’räs’? Die Sieger Interessengemeinschaft „Steinlachtäler“, Hobbymoster Willi Schmalz aus Rottenburg und Alfred Brodbeck aus Jettingen bei Böblingen werden vermutlich jetzt entweder freundliche Anfragen ihrer Reutlinger Konkurrenten nach einer Betriebsbesichtigung bekommen, oder, schlimmer noch, sich auf Werksspionage einrichten müssen.

Wie sagte doch der zweite Geschäftsführer des Streuobstparadieses, Alexander Dehm: Man müsse die meist „negative öffentliche Wahrnehmung durch frische, zukunftsgerechte Impulse“ verändern, um den Most als marktfähiges Produkt und Kulturgut eine Zukunft zu geben. Also: Auf geht’s, Reutlinger – das ist nicht mehr und nicht weniger als eine Frage der Ehre!