Reutlingen Es steht viel auf dem Spiel

Amrei Steinfort (von links), Gast Prof. Ortwin Renn und Paul Schlegl begaben sich am Montagabend beim Zeitgespräch in der Reutlinger Kreissparkasse in das Gebiet der Risikoforschung.
Amrei Steinfort (von links), Gast Prof. Ortwin Renn und Paul Schlegl begaben sich am Montagabend beim Zeitgespräch in der Reutlinger Kreissparkasse in das Gebiet der Risikoforschung. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Norbert Leister 09.11.2017

Sind Lebensmittel Risikofaktoren in unserem Leben? Nein, betonte Prof. Ortwin Renn als Gast der Zeitgespräch-Reihe der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) am Montagabend in der Reutlinger Kreissparkasse am Marktplatz. „Das ist die gute Nachricht: Lebensmittel sind heute sehr sicher und beinhalten keine Gefahr, davon krank zu werden“, sagte der Gründer des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität in Stuttgart.

Gleiches gelte im Übrigen auch für die Kriminalität in Deutschland: Da sei das persönliche Empfinden oftmals ein völlig anderes als das, was die Zahlen in den Statistiken eindeutig belegen würden: „Die schweren Delikte gehen seit 1985 zurück“, sagte Renn. Dass das Empfinden ein anderes sein könne, als die Realität – das verdeutliche der heutige wissenschaftliche Direktor am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam seinen Studenten immer wieder am Beispiel Afrika. Ortwin Renn stelle die Frage, in wie vielen Ländern auf dem Schwarzen Kontinent denn Krieg herrsche. Gefühlt seien das oft 100 Prozent, tatsächlich aber 34. „Durch die Abbildung in den Medien wird unser aller Bild von Afrika geprägt – denn über die mehr oder weniger gut funktionierenden 66 Prozent aller afrikanischen Staaten berichten die Medien kaum.“

Die neuen, so genannten „sozialen Medien“ würden aber noch ganz andere Gefahren bergen: Viele Menschen würden sich nur noch über solche Plattformen im Internet informieren, wo die eigene Meinung, der Gedanke, das Gefühl bestätigt werde, so Renn. „Dadurch werden Menschen nicht mehr mit anderen Meinungen konfrontiert und sie lernen nicht mehr, miteinander zu streiten und Themen auszudiskutieren.“

Ob man als Risikoforscher denn selbst besonders risikobereit sein muss, Bungee-Jumping ihn schon immer gereizt habe, wollten die beiden Moderatoren Amrei Steinfort und Paul Schlegl von Renn wissen. „Nein, überhaupt nicht, ich habe als Kind immer andere auf Bäume vorklettern lassen“, schmunzelte der Professor. Ob nachvollziehbar sei, dass die Menschen die jetzige Zeit als besonders bedrohlich empfinden, fragte Schlegl als KEB-Leiter. „Oh ja, als Wissenschaftler ist das gut nachvollziehbar“, antwortete Ortwin Renn. Denn: „Die heutige Jugend lebt in Verunsicherung, wenn sie viele Dinge nicht einordnen kann, sorgt das für Angst.“

Und dennoch: „Wir leben heute sicherer als alle Generationen vor uns“, betonte Renn. Denn vor nicht einmal 80 Jahren habe es keine Generation gegeben, die nicht mindestens einen Krieg erlebte. Trotzdem würden 72 Prozent der Deutschen heute sagen, dass sie in unsicheren Zeiten leben. Wie es dazu kommt? „Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten und einige unsichere Variablen – aber das macht das Leben nicht unsicherer“, so Renn.

Zu konkreten Gefährdungen befragt, antwortete der Risikoforscher jedoch: „Ja, der Feinstaub ist mit einer der größten Verursacher von Krankheiten.“ Nach Schätzungen seien in Deutschland 14 000 bis 30 000 zusätzliche Krebserkrankungen pro Jahr auf den Feinstaub zurückzuführen. „Da ist richtig Musik drin, wir müssen vor allem im Bereich Mobilität was tun.“ Andere Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft seien natürlich der Klimawandel, im Übrigen ein ganz typisches Beispiel für „ein systemisches Risiko“. Was darunter zu verstehen sei? Renn führte das Beispiel der Finanzkrise 2008 an: Noch wenige Wochen vor dem Platzen der Blase hätten fast alle gesagt – no problem.

Beim Klimawandel sei das ähnlich, man könne ja sagen: „Es ist doch schön, wenn es in Deutschland ein paar Grad wärmer wäre“, so Renn. Allerdings dürfe ein bestimmter Punkt nicht überschritten werden, maximal drei Grad mehr würden momentan als extrem kritisch angesehen. „Ob das 2,9 Grad sind oder 3,1 – das kann niemand sagen.“ Klar sei hingegen, dass der Nordpol jetzt schon abschmelze, dass einige Inseln den Anstieg der Meere nicht überleben und dass womöglich der Golfstrom versiegen könnte. „Das würde für Deutschland allerdings die nächste Eiszeit bedeuten.“ Die Politik müsse also dringend reagieren und auf die erneuerbaren Energieträger setzen. Das sei das erste und oberste Gebot, denn: „CO2 bleibt 75 Jahre in der Atmosphäre.“