Reutlingen Es bewegt sich nichts für Benachteiligte

Beate Müller-Gemmeke (von links), Manfred König von Pro Labore, Lisa Kappes-Sassano (Caritas), Christoph Kauffmann (DaCapo), Erika Holstein (Jobcenter Reutlingen), Wilhelm Schreyeck (Agentur für Arbeit) und Thomas Wied (BruderhausDiakonie) trafen sich, um über die Situation von Langzeitarbeitslosen zu sprechen.
Beate Müller-Gemmeke (von links), Manfred König von Pro Labore, Lisa Kappes-Sassano (Caritas), Christoph Kauffmann (DaCapo), Erika Holstein (Jobcenter Reutlingen), Wilhelm Schreyeck (Agentur für Arbeit) und Thomas Wied (BruderhausDiakonie) trafen sich, um über die Situation von Langzeitarbeitslosen zu sprechen. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 27.11.2015
Eigentlich waren sich beim Gespräch mit der Abgeordneten Beate Müller-Gemmeke alle einig: Für Menschen, die über Jahre hinweg arbeitslos sind, braucht es Jobs mit sozialpädagogischer Unterstützung.

Morgens den Arbeitnehmern hinterher telefonieren, weil sie mal wieder den Weg aus dem Bett nicht gefunden haben? Mit dem Beschäftigten zusammen Wege zur Schuldentilgung suchen? Alkoholprobleme gemeinsam angehen? "Wer will als Arbeitgeber solche Aufgaben auf sich nehmen", betonte Beate Müller-Gemmeke beim Gespräch mit Vertretern von Jobcenter und Sozialen Beschäftigungsträgern.

Wie berichtet geht es genau diesen Arbeitgebern für benachteiligte Menschen seit Jahren an den finanziellen Kragen: Das beste Beispiel dafür ist die Neue Arbeit, die Insolvenz anmelden musste. Doch auch die anderen kämpfen seit Jahren darum, weiterhin für benachteiligte Menschen tätig sein zu können. Und den Langzeitarbeitslosen damit nicht nur eine Aufgabe und das Gefühl zu geben, dass sie nicht länger außerhalb der Gesellschaft stehen müssen, betonte Manfred König von Pro Labore. "Das ist ein ständiger Balanceakt, den eigenen Betrieb zu finanzieren, immer auf der Suche nach neuen Projekten zu sein und gleichzeitig die Menschen in den Ersten Arbeitsmarkt bringen zu müssen", sagte Lisa Kappes-Sassano von der Caritas. Erika Holstein, Geschäftsführerin des Jobcenters im Kreis, sagte dazu: "Sie haben immer mit Menschen zu tun, die Anleitung und Unterstützung brauchen - mit dem jetzigen Preis ist das aber nicht machbar." Die Bundestagsabgeordnete der Grünen betonte: "Voraussetzung für eine sinnvolle Finanzierung solcher Arbeitsplätze wäre, dass nicht vorrangig die Integration in den Ersten Arbeitsmarkt im Vordergrund stünde, sondern die soziale Teilhabe der Langzeitarbeitslosen und auch Zwischenschritte anerkannt würden." Vom Bundesfinanzministerium werde ein solcher Sozialer Arbeitsmarkt aber "vehement abgelehnt", so Müller-Gemmeke. Warum das so sei? "Viele sehen die Situation wohl als gottgegeben an", frotzelte sie. Als Hauptargument gegen einen Zweiten Arbeitsmarkt werde aber zumeist angeführt, dass Handel, Handwerk, Dienstleistung und Industrie durch die Angebote der Sozialen Beschäftigungsträgern keine Konkurrenz gemacht werden dürfe. "Wettbewerbsneutral", heiße das. "Wir können mit den benachteiligten Leuten doch gar nicht billiger produzieren", so König. Schließlich koste der Betreuungsaufwand viel Geld. Und dass diese so genannten "Regiekosten" nicht mehr finanziert würden, sei eines der Grundübel für die Sozialen Arbeitgeber.

Nach den Worten von Wilhelm Schreyeck als Leiter der Agentur für Arbeit in Reutlingen werde die Situation dadurch erschwert, dass die Jobcenter im Süden der Republik schlechter ausgestattet seien als andere - weil die wirtschaftliche Situation in den Bundesländern bei der Verteilung der Gelder mit einberechnet werde. Genau diese Finanzmittel fehlen aber für Maßnahmen für die Langzeitarbeitslosen. Hinzu komme laut Schreyeck, dass in den Jobcentern Umschichtungen stattfänden - auch in Reutlingen und Tübingen müssten rund 20 Prozent der Gelder aus dem Maßnahmen-Topf für die Arbeitslosen in den Verwaltungstopf fließen. Um die Tätigkeit in den Jobcentern zu finanzieren. Fazit: Es bewege sich nichts, um den rund 400 000 Langzeitarbeitslosen endlich wieder eine Perspektive zu bieten, so Beate Müller-Gemmeke.