Reutlingen Erbes Appell: Lasst uns mutig sein!

Reutlingen / Ralph Bausinger 23.01.2018
Zukunft der regionalen Medien Thema beim gemeinsamer Neujahrsempfang der beiden Wirtschaftskammern vor 550 Besuchern.

Die Medien – vom Fernsehen über das Radio bis hin zur regionalen Tageszeitung – befinden sich derzeit in einer schwierigen Situation. Die Medienwelt steht, wie IHK-Präsident Christian O. Erbe gestern Abend in seiner Begrüßung beim gemeinsamen Neujahrsempfang der beiden Wirtschaftskammern vor 550 Besuchern in der Stadthalle sagte, vor „dramatischen, grundlegenden Veränderungen“.

IHK und Handwerkskammer hatten daher diesmal den Schwerpunkt auf die Zukunft der regionalen Medien gelegt. In zwei Talkrunden wurde einmal über die Zeitung der Zukunft, zum anderen über „Radio und TV der Zukunft“ debattiert. Zuvor hatte Erbe an alle, Medienschaffer und -nutzer, appelliert: „Seien wir mutig, unsere eigenen Wege zwischen online- und offline-Welt zu finden; mutig, Widerstand zu leisten gegen die Skandalisierung und Banalisierung der Medien in Zeiten von Fake News und Hate Speeches; Mut zum Ausprobieren neuer Medien, und Mut zur Vielfalt. Vor allem aber: Mut zum Umdenken und zum Neudenken.

Mit Thomas Brackvogel (Alleingeschäftsführer der SÜDWEST PRESSE) und den Verlegern  Alexander Frate (Schwäbisches Tagblatt) Valdo Lehari jr. (Reutlinger Generalanzeiger) und Daniel Welte (Zollern-Alb-Kurier) war das Podium zur „Zeitung der Zukunft!“ hochkarätig besetzt.

U 30: 78 Prozent Digitalleser

Die Fernsehjournalistin Julia Bauer, welche die Diskussion moderierte, hatte zur Einstimmung einige interessante Zahlen zusammengetragen: So werden in Deutschland täglich 14,7 Millionen Tageszeitungen gelesen, der Großteil davon sind Regionalausgaben. Ein Blick auf die  Altersstruktur macht deutlich, dass über drei Viertel der unter 30-Jährigen Digitalleser sind – die Zeitung also auf Tablet, Laptop oder auch Smartphone lesen. Schon allein heute gibt es über 600 Zeitungsapps.

Trotz Apps und E-Paper werde die gedruckte Zeitung auch in Zukunft bleiben, zeigte sich der Verleger des Zollern-Alb-Kuriers überzeugt.

Aus Sicht von Tagblatt-Verleger Alexander Frate sollten die Verleger „nicht den Fehler machen, sich zu bekämpfen und schlecht zu reden“. Vielmehr müsse man an das Produkt und die Mitarbeiter glauben: „Das ist das A und O.“ Frate sprach sich auch dafür aus, das Lokale und Regionale auszubauen. „Da sehe ich die Zukunft.“

Auch für Brackvogel liegt der „Kern der Zeitung in der journalistischen Qualität“. Darüber hinaus  benötige man auch gute Beziehungen zum Kunden. Diese müssten den Wert des Produkts erkennen und auch bereit sein, dafür zu zahlen. Zollern-Alb-Kurier-Verleger Welte sieht dies ähnlich: „Wir müssen wieder dazu kommen, dass Qualitätsjournalismus Geld kostet.“

Brackvogel warnte auch vor einer drohenden Gefährdung der Pressefreiheit durch die Geringschätzung von Medien und Journalisten: Wer nicht bereit sei, sich mit einem Kulturartikel auseinanderzusetzen, werde niemals sachkundig über Kultur sprechen können. GEA-Verleger Valdo Lehari jr. wünscht sich von der Politik bessere Rahmenbedingen – insbesondere beim Urheberrecht. So sei derzeit die redaktionelle Arbeit weniger geschützt als das Dschungelcamp“. Zudem sei nicht einzusehen, warum beim gedruckten Exemplar der reduzierte Mehrwertsteuersatz, beim E-Paper jedoch der volle Mehrwertsteuersatz fällig werde. Um die Zukunft der regionalen Medien sei ihm nicht bange – „wenn wir unsere Arbeit sorgfältig machen“. Dazu gehöre auch, die Redaktion weiter zu qualifizieren. „Der Algorithmus ersetzt keine Redaktion.“

In der Schlussfrage der Moderatorin Julia Bauer stimmten alle Diskussionsteilnehmer überein:  Auch wenn ihre Kinder, die erst noch geboren werden müssen, groß sind, werde es noch eine gedruckte Tageszeitung geben.

Einen Kommentar zur Zukunft regionaler Medien von unserem Redaktionsleiter Peter Kiedaisch lesen Sie hier.

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