Reutlingen / PETER U. BUSSMANN  Uhr
Der Termin für das dritte Porträt von Menschen mit Behinderung der landesweiten Inklusionskampagne "Duichwir - alle inklusive" führt direkt in die Geschäftsstelle der Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen.

Die Frauenstimme rattert mit atemberaubendem Tempo mickymaus-gleich Begriffe herunter, dass dem Außenstehenden Hören und Sehen vergeht. Marc Oliver Klett hat zur Demonstration seines Vorleseprogramms den Laptop laut gestellt, sonst trägt er Ohrhörer, auch aus Rücksicht auf die Kollegin.

Der 40-jährige Mitarbeiter des Landratsamts ist praktisch blind und bedient sich im Alltag und bei der Arbeit zahlreicher Hilfsmittel, um sein Handicap auszugleichen. So wie ein Nicht-Sehbehinderter Schriftliches nur überfliegt, um zum Wesentlichen zu gelangen, hat Klett das Vorleseprogramm "auf schnell gestellt, ich will ja auch was arbeiten und mir nicht nur was vorlesen lassen". Bei modernen Text-to-Speech-Programmen geschieht dies per "true voice", Stimmen ausgebildeter Sprecher aus Studioaufnahmen, die von menschlichen Sprachaufnahmen kaum zu unterscheiden sind. Ältere Programme verwenden elektronische Stimmen, "meine Mutter wird verrückt, wenn sie sich das anhören muss", verrät Klett lächelnd.

Sämtliche E-Mails und damit die meiste Kommunikation, dienstliche Schreiben und Vorlagen laufen so über Kletts Laptop. Briefe und Zeitungsartikel werden eingescannt und weiterverarbeitet. Oder das Vorlesegerät Lektor kommt zum Einsatz. Wie eine große Spielekonsole steht das Gerät vor der Zeitung, scannt diese abschnittsweise und liest die Texte etwas künstlich, aber gut verständlich vor. Einzig bei Handgeschriebenem versagt die Technik, und die sehende Kollegin von der anderen Schreibtischseite muss helfen und vorlesen.

Dies ist für Menschen mit Unterstützungsbedarf überhaupt ein wesentlicher Teil der Zusammenarbeit, sagt Klett aus Erfahrung: "Ich muss äußern, wo es klemmt, denn nicht jeder kennt meine Erlebniswelt." Und damit ist die Arbeit mit dem behinderten Kollegen auch ein Lernprozess für die Leute ohne Handicap. Uwe Köppen, kommissarischer Leiter der Geschäftsstelle der Inklusionskonferenz: "Mittlerweile ist dies Normalität, aber es musste sich erst einspielen." So erfolgt nun in dem - selbstverständlich barrierefreien - Vier-Personen-Büro in der Kaiserstraße 107 die gemeinsame Ablage fast komplett papierlos und digitalisiert. Andererseits sind die Kollegen begeistert von Kletts phänomenaler Gedächtnisleistung. Was Sehende im Blick haben, hat er sich längst eingeprägt. Und er schreibt gerne Protokoll, weil er so ein gutes Gedächtnis hat, "ohne prahlen zu wollen".

Der Weg zum "Wunschjob" war für Klett lang. Der 1974 in Tübingen Geborene, in Kirchentellinsfurt aufgewachsen, ist wegen eines Gendefekts von Geburt an hochgradig sehbehindert. Seine Netzhaut, die Retina, vernarbt und stirbt ab, ein stetig sich verschlechternder Prozess. Seine Sicht beschreibt er "wie durch Milchglas, hell-dunkel, mit stecknadelgroßen Sehinseln, die sich bewegen". Bis vor 20 Jahren "bin ich noch Fahrrad gefahren - dem ist meine Zahnlücke geschuldet", erzählt er. Mittlerweile ist er auf den Blindenlangstock angewiesen.

Einer klassischen Sonderschulkarriere bis zur Realschule in Stuttgart folgte ab 1991 der Besuch der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg, wo er am Gymnasium das Wirtschafts-Fachabitur erwarb. 1996 machte er bei Radio Neckaralb unter Redaktionsleiter Wolfgang Löffler, heute Stadtpressesprecher, eine Ausbildung zum Redaktionsassistenten. Löffler schrieb ihm ins Zeugnis, dass Klett "die anfänglichen Bedenken wegen seiner Behinderung einfach ausgeräumt hat".

Nach dem etwas hektischen Journalismus entschied sich Klett für eine Ausbildung zum Informatikkaufmann in Marburg, die er zwar 2003 mit der IHK-Prüfung abschloss, wo er dann aber zwei Jahre keine Arbeit fand. Er begann an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg Soziale Arbeit zu studieren. Seine Erkrankung verschlechterte sich, er musste von Sehbehinderten-Technik (mit Lesegeräten und Bildschirm-Vergrößerung) auf Blindentechnik wechseln.

Zwei Praktika führten den Studiosus, dessen Eltern nun in Betzingen lebten, zurück nach Reutlingen. Im Wintersemester 2005/06 war er Praktikant in der Integrativen WG Jurastraße, war mitverantwortlich für die acht Bewohner, vier Menschen mit geistiger Behinderung und vier Studierende, die sie unterstützen. Ihm gefiel dieser Mikrokosmos aus Hilfebedarf und Unterstützung so gut, dass er später dort selbst für sieben Jahre einzog - als Student ohne Assistenzbedarf. Inzwischen hat er eine eigene, "normale" Wohnung in Betzingen bezogen, bekommt dort Unterstützung und Tipps bei der Haushaltsführung. "Ich muss auf Knien durchs Bad rutschen und nachfühlen, ob's sauber und trocken ist - das Putzen braucht so dreimal so lang", schildert er den Alltag.

Kletts zweites Praxissemester brachte ihn 2008 in Kontakt mit dem Landratsamt, er landete bei seinem heutigen Chef Uwe Köppen in der Sozialplanung. Damals noch stark sehbehindert, arbeitete er an einem normalen Arbeitsplatz mit Sehhilfen. Seine Beschäftigung "gab auch einen Impuls im Haus", erzählt Köppen. Die EDV half, Geräte anzupassen, "auch die Kollegen wurden damit konfrontiert, dass nun ein Mensch mit weißem Stock hier arbeitet". Ein erstes Ergebnis des Umdenkens: Im Sommer 2014 wurde Klett als erster Mitarbeiter mit wesentlichen Behinderungen neu eingestellt. Auch eine sehbehinderte Auszubildende wurde inzwischen übernommen.

Nach dem Bachelor-Abschluss 2012 war Klett aber zunächst anderthalb Jahre auf Arbeitssuche. Für die meisten Arbeitgeber waren seine fachlichen Leistungen "top", doch die Sehbehinderung ein Problem. Ein Amtsleiter sagte ihm, es sei schwierig, etwa bei einer "Inaugenscheinnahme" eines Wohnumfelds durch den Blinden eine belastbare Aussage vor Gericht zu bekommen.

Die "glückliche Fügung" führte dann zur Schaffung der Geschäftsstelle der Inklusionskonferenz "mit einer Stelle, direkt auf mich zugeschnitten". Zunächst bis Jahresende befristet, hat Klett gute Chancen auf Weiterbeschäftigung: "Ich denke, dass ich im Landratsamt durchaus alt werden kann", sagt er über seine berufliche Perspektive.

Die Einstellung von Menschen mit Behinderung ist dabei für Arbeitgeber kein Risiko, versichert Insider Klett. Die Arbeitsagentur bezahlt bis zu 18 Monate einen degressiven Eingliederungszuschuss von bis zu 70 Prozent. Er selbst wurde "extremst hervorragend" von Arbeitsvermittler Thomas Betz unterstützt, der alle möglichen Fördermittel auftrieb: Laptop, Scanner, Drucker, Vorlesegeräte samt neun Schulungstagen stellt die Arbeitsagentur dem Beschäftigten zur Verfügung. Im Falle eines Wechsels bleiben die Geräte beim Mitarbeiter. Sogar Umbauten werden finanziert, je nach Fördersumme von der Arbeitsagentur, der Rentenversicherung oder vom Integrationsamt.

Diese Hilfen machen es nach Uwe Köppens Ansicht "für alle Unternehmen reizvoll, Nischen für behinderte Mitarbeiter zu suchen und zu besetzen". Und die Anpassungsleistung "ist auch für uns ein Zugewinn". Susanne Blum von der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz kann Vorbehalte künftiger Arbeitgeber und Kollegen gegen Mitarbeiter mit Handicap verstehen. Sie rät aber, "in den Fokus zu stellen, was der Mitarbeiter kann und nicht, was er nicht kann". Klett jedenfalls "kann wahnsinnig viel, ich arbeite gern mit ihm zusammen - man vergisst einfach die Behinderung". "Ich habe nie mit den Fördermöglichkeiten für einen Job geworben", gesteht der so Gelobte: "Ich wollte einfach nur die Normalität!"

Inklusionskonferenz

Mit dem Modellprojekt Inklusionskonferenz möchte der Landkreis Reutlingen zusammen mit seinen kreisangehörigen Städten und Gemeinden sowie allen anderen relevanten Akteuren weiter auf dem Weg voranschreiten, die Ziele der UN-Behindertenrechts-Konvention auf kommunaler Ebene umzusetzen. Um Menschen mit Handicaps, Angehörige und Selbsthilfegruppen als Experten aus eigener Erfahrung von Beginn an am Modellprojekt zu beteiligen, wurde neben der Inklusionskonferenz der Beirat "Selbsthilfe" eingerichtet.

SWP