Digitalisierung Epp: Wir müssen die Betriebe wachrütteln

IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Epp fordert eine digitale Ausstattungsoffensive für die Schulen.
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Epp fordert eine digitale Ausstattungsoffensive für die Schulen. © Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Reutlingen / Ralph Bausinger 16.04.2018

Das Thema ‚Digitalisierung’ ist noch nicht bei allen Betrieben angekommen“, stellte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Epp gestern beim Pressegespräch zur „Woche der beruflichen Bildung“ fest. Aufgabe der IHK müsse sein, vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen wachzurütteln. Sie alle müssten sich klar machen, was die Digitalisierung für ihr  Geschäftsmodell bedeute. Doch nicht nur die Betriebe müssten sich der Herausforderungen der Digitalisierung stellen, der IHK-Hauptgeschäftsführer forderte auch eine „Aufrüstungsoffensive“ für die Schulen. Dabei gehe es nicht nur um eine dringend notwendige, bessere technische Ausstattung, vielmehr müssten digitale Kompetenzen auch in die Lehrpläne einziehen.

Außerdem fordert die gewerbliche Wirtschaft die Einführung eines Aufstiegsbonus in Baden-Württemberg. Ihn sollen alle bekommen, die eine Prüfung der höheren Berufsbildung wie einen Meister oder Fachwirt bestehen. Andere Bundesländer machten dies bereits. Derzeit kostet die Weiterbildung zum Meister oder Fachwirt zwischen 3300 und 5900 Euro. Trotz Meister-Bafög und eines Bestehenszuschusses müssen die Absolventen im Schnitt rund 1400 bis 2400 Euro selber aufbringen. Aus Sicht der IHK würde der Bonus helfen, akademische und berufliche Bildung gleich zu behandeln. „Die akademische Ausbildung ist kostenlos, in der beruflichen Bildung müssen Prüfungs- und Kursgebühren bezahlt werden. Das passt einfach nicht“, erläutert Epp. Nur so lasse sich der Bedarf an Fachkräften decken.

Der digitale Wandel verlangt auch nach neuen Berufsbildern: Mit dem Kaufmann, respektive der Kauffrau für E-Commerce kommt ab 1. August der erste  Ausbildungsberuf, der auf digitale Geschäftsmodelle ausgerichtet ist. Bislang gibt es einen Ausbildungsvertrag, weitere zehn Unternehmen haben die Befugnis auszubilden. „Man sollte diesem Beruf etwas Zeit geben, sich zu entwickeln“, sagte Petra Brenner, Bereichsleiterin Ausbildung bei der IHK Reutlingen. Die Chancen, dass die Region Schulstandort in diesem neuen Ausbildungsberuf wird, sehen Brenner und Epp dagegen eher skeptisch.

Im ersten Quartal 2018 verzeichnete die IHK 830 neu eingetragene Lehrverträge. Das ist, verglichen mit den ersten drei Monaten 2017, ein Rückgang  von 14,5 Prozent. „Daraus lässt sich aber kein Trend ableiten. Gerade Firmen, die stärker ausbilden, schicken ihre Verträge in der Regel en bloc“, sagte Brenner. Die Bildungsexpertin geht davon aus, dass zum Start ins Ausbildungsjahr am 1. September erneut die Vorjahreswerte erreicht werden. „Wir hatten zuletzt stets um die 2400 Ausbildungsverhältnisse. In diesem Bereich werden wir wieder landen“, zeigte sich die IHK-Bildungsexpertin zuversichtlich.

In der Debatte um die Abbruchquote von Ausbildungsverhältnissen plädiert die IHK für eine Versachlichung. Es sei nicht außergewöhnlich, dass viele Lehrverträge in den ersten drei Monaten gelöst würden. Das liege oft daran, dass die Auszubildenden sich einfach falsche Vorstellungen vom gewählten Beruf machen, sagte Petra Brenner. In der Region Neckar-Alb liegen die Auflösungsquoten derzeit bei 16 Prozent – bundesweit sind es 25 Prozent. Am stärksten betroffen in der Region sind die Sicherheitsberufe sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe. Hier liegen die Abbruchquoten bei über 50 Prozent, in den Elektro- und Metallberufen sind es gerade einmal acht Prozent.

Um diese Zahlen zu reduzieren, spricht sich die IHK dafür aus, die Berufsorientierung zu stärken. Dazu gehörten das neue Schulfach Wirtschaft, mehr Praktika für Schüler und Praxiszeiten für Lehrer. „Bei 360 Ausbildungsberufen und rund 18 000 Studiengängen ist es kein Wunder, wenn die Jugendlichen den Überblick verlieren“, konstatierte Brenner.

Ausbildungsverhältnisse von Geflüchteten

Sehr ordentlich hat sich laut Petra Brenner in den vergangenen Monaten die Vermittlung von Flüchtlingen in Ausbildungsverhältnisse entwickelt. Mittlerweile liegen der IHK Reutlingen 63 Lehrverträge mit Geflüchteten vor – das sind 30 mehr als vor einem Jahr.

Knapp 75 Prozent der Verträge wurden mit Menschen geschlossen, die aus Syrien (23), Afghanistan (15) und Gambia (9) stammen. Weitere Länder sind Irak, Eritrea, Iran, Nigeria, Somalia und Pakistan. Die meisten Verträge wurden in der Gastronomie sowie im Einzelhandel abgeschlossen. Bislang wurden fünf  Abbrüche gemeldet – davon vier in der Gastronomie. rab

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