Reutlingen Enthemmt auf Konzertgäste eingestochen

 Amtsgericht Schwäbisch Hall
Amtsgericht Schwäbisch Hall © Foto: Peter Lindau
Reutlingen / Von Norbert Leister 22.02.2018

Was nach der Beweisaufnahme bleibt, sind doch vor allem Zweifel“, hatte Matthias Hunzinger als Verteidiger des Angeklagten am Mittwoch vor dem Amtsgericht Reutlingen betont. Warum? Staatsanwältin Carmen Ljubicic hatte in ihrem Plädoyer ausgeführt, dass kein einziger der zahlreichen Zeugen den vermeintlichen Täter eindeutig, hundertprozentig identifizieren konnte. Ein paar hätten gesagt, dass es „vielleicht“ der Angeklagte hätte gewesen sein können.

Doch was war überhaupt passiert? Am 15. Juli vergangenen Jahres kam es beim KuRT-Festival in Reutlingen zu einer Rangelei. Nach den Ausführungen des angeklagten 21-Jährigen hätten er und seine Freundin versucht, knapp vor der Bühne von einer Seite zur anderen zu wechseln. „Wir wollten zu einem Freund“, sagte die 15-jährige Freundin gestern im Amtsgericht. Irgendwann sei das Vorhaben steckengeblieben, weil irgendwelche Jugendliche sie nicht durchlassen wollten. Bei der anschließenden Rangelei sei das Neck-Knife – also das Messer, das ihr Freund immer um den Hals trug – mitsamt der Kette zu Boden gefallen. Wenige Minuten später habe der 21-Jährige es wieder gefunden, wie seine Freundin vor Gericht schilderte.

Genau in diesem Zeitraum hatte ein völlig Unbeteiligter einen Schlag auf den Rücken erhalten, bemerkte erst kurz darauf, dass er blutete. Ein anderer Unbeteiligter wurde kurz darauf beim Durchqueren der Menschenmenge zunächst ins Gesicht geschlagen und danach in den Bauch. Auch er habe zunächst nicht realisiert, dass er mit einem Messer verletzt worden war. Dabei hatte er großes Glück: Der Stoß ging von rechts unten in die Seite nach links oben. An einem Knorpel blieb das Messer stecken, „sonst hätte es die Lunge oder die Leber verletzen können“, sagte gestern der behandelnde Arzt aus, der eine Notoperation vorgenommen hatte. Lebensgefahr wäre dann die logische Folge gewesen.

Rechtsanwalt Hunzinger fragte: Wie hätte solch ein Messerstoß rein physikalisch überhaupt möglich sein können, wenn sich der Angreifer und das Opfer doch frontal gegenübergestanden – wie der Verletzte selbst ausgesagt hatte. Doch ebenso wenig wie ein Zeuge, der den Schlag gegen das Kinn beobachtet hatte, noch das Opfer selbst konnten den Angeklagten zweifelsfrei als Täter wiedererkennen. „Es war doch dunkel“, sagte der Verletzte. Allerdings gab es noch einen Ordner, der das Geschehen aus erhöhter Position gesehen hatte: Sowohl den Schlag gegen das Kinn wie auch den zweiten Hieb gegen den Körper habe er gesehen – und den Angeklagten weiter im Auge behalten. Die hinzugerufenen Security-Mitarbeiter setzten den 21-Jährigen schließlich fest und übergaben ihn später der Polizei, mitsamt Messer. Nun ist der Angeklagte beileibe kein unbeschriebenes Blatt: Sieben Vorstrafen habe er seit 2014 schon erhalten, drei davon „einschlägig“, also wegen Körperverletzungen. „Er weiß ganz genau, dass er enthemmt reagiert, wenn er Alkohol trinkt“, sagte Richter Eberhard Hausch. An diesem Abend hatte der 21-Jährige 1,5 Promille Alkohol im Blut, obendrein einen regelrechten Drogencocktail mit Amphetaminen, Kokain und Cannabis intus gehabt. Und unter Bewährung stand er zum Zeitpunkt der Tat auch noch.

Reichte das aus, um noch einmal Milde walten zu lassen? Weil laut Hunzinger in der Verhandlung vor dem Amtsgericht die Frage des Motivs doch unbeantwortet blieb?

Das Gericht sagte – ohne jeden Zweifel: „Drei Jahre und elf Monate Haftstrafe.“ So wie die Staatsanwältin es ebenfalls beantragt hatte. Die Begründung: Ein Messer um den Hals zu haben, um damit zu schnitzen, zu grillen? „Bei einem Konzert-Festival“, fragte Hausch. Und der Angeklagte habe sich auch nicht freiwillig entwaffnen lassen, wie er selbst das dargestellt hatte. Und ein Motiv? „Bei Gewaltexzessen fragt man sich hinterher immer nach einer vernünftigen Begründung“, sagte der Richter. Aber einen Auslöser könne Hausch sehr wohl nennen, nämlich: „Ein schicker Cocktail aus Alkohol und sonstigen Substanzen.“

Obwohl der 21-jährige Täter unter Bewährung stand, hatte er sich trotzdem mit all dem Zeug zugedröhnt. Und der Angeklagte hätte laut Hausch wissen müssen, dass all das bei ihm eine enthemmende Wirkung hervorrufe. Seiner 15-jährigen Freundin könne das Gericht nicht glauben, die ihn offensichtlich entlasten wollte.

Glaubhaft sei aber der Ordner, der das Geschehen beobachtet hatte. Ein weiteres Mosaiksteinchen, das sich laut Hausch zu einem eindeutigen Gesamtbild zusammenfügte: Ausgerechnet in jenen zwei Minuten, in denen der Angeklagte vermeintlich das Messer verloren haben wollte, seien die beiden Taten geschehen. „Das können Sie sonst wem erzählen, aber nicht dem Gericht“, so Eberhard Hausch.

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