wahlkreis:Reutlingen (60) Energiewende - man muss sie nur wollen

Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 04.03.2016
Parteienvertreter, Kandidaten und mit Thomas Poreski ein richtiger Landtagsabgeordneter diskutierten über erneuerbare Energien und Klimaschutz. Alle befürworten die Energiewende - auf unterschiedliche Art.

Rund fünf Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer interessierte das Thema. Moderator Thomas Merkle vom Vorstand des Vereins Sonnen-Energie Neckar-Alb spannte den Bogen ambitioniert von Enerneuerbaren Energie und Klimaschutz bis hin zur Flüchtlingsproblematik weltweit.

Zur Einstimmung stellte Erster Vorsitzender Klaus Fink im Impulsvortrag das jüngste Energieszenario des Vereins vor. Der Verein hält 100 Prozent erneuerbare Energie in der Region bis 2030 für machbar, "in der Region gibt es ausreichende Potenziale dafür", unterstrich Fink.

"Die Energiewende wäre also möglich, wenn man nur wollte", nahm Merkle die Vorlage auf und machte sich mit dem Podium dran, den Fragenkatalog abzuarbeiten.

Jessica Tatti, Landtagskandidatin der Linken, steht "ohne Wenn und Aber zur Energiewende", will klare CO2-Grenzwerte setzen und die Energieversorgung rekommunalisieren. Bis 2050 hält sie die Umstellung auf 100 Prozent Erneuerbare Energie für möglich. Im Gegenzug sollten die Privilegien für "Stromfresser der Industrie" kassiert, Atomkraftwerke abgebaut und keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden. Aber, so mahnt sie: "Die Energiewende muss sozial sein", die Beschäftigten müssten in Ersatzarbeitsplätzen bei den Erneuerbaren Energien untergebracht werden.

"Grün-Rot will das ganz klar", bekräftigte Ramazan Selcuk in Vertretung des SPD-Landesvorsitzenden Nils Schmid: "Die Landesregierung hat Ernst gemacht mit der Energiewende, zum Beispiel bei der EnBW", erläuterte er. Doch es gelte abzuwägen zwischen der technischen Machbarkeit und der Wirtschaftlichkeit, manchmal sei die kleinere Lösung die bessere. Aber "wir sind auf einem guten Weg".

Grünen-Abgeordneter Thomas Poreski verriet vorab, dass er "hobbymäßig technisch sehr interessiert sei" und sogar selber einige Patente gesichert hat. Er kritisierte, dass der Gesetzgeber "die Solarenergie total ausgebremst hat", was viele Arbeitsplätze in der Region kostete. Sein Credo: "Raus aus der Kohle" hin zu intelligten Netzen und virtuellen Stromspeichern. Und: "Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen."

Ja, sagt Gabriele Gaiser als Zweitkandidatin der CDU, "wir brauchen die Energiewende aus Umweltschutzgründen". Doch die Versorgungssicherheit müsse gewährleistet sein. Sie rät, sich mit den "heimischen Versorgern zu identifizieren".

Thomas Baltzer, der für die FDP-Kandidatin Wibke Steinhilber auf dem Podium Platz genommen hatte, warnte vorweg; "Ich hab' meine eigene Meinung", mit der die Partei nicht immer einig sei. Er realisierte die erste große Fotovoltaikanlage mit 2,7 Megawatt Leistung auf der Schießanlage in Engstingen. Mittlerweile betreiben die Stadtwerke Tübingen die Anlage. Für Baltzer steht fest: "Wir brauchen nicht nur die Erneuerbaren Energien, wir brauchen für den Grundlastbereich ein kontinuierliches Feuerchen, egal was da brennt." Er plädiert zudem für denzentrale Energieversorgung mit Eigenverbrauch, das schaffe hohe Autarkiequoten.

Und er räumte im weiteren Verlauf ein: "Zu meinem Bedauern sind viele Sätze von Herrn Poreski leider richtig", was den Zuhörern ein Schmunzeln entlockte. Realist blieb der Liberale auch bei der Frage, wer für die Kosten der Lagerung des Restmülls aus den Atomkraftwerken aufkommen soll. Während alle anderen nach dem Verursacherprinzip die Stromkonzerne und deren Rücklagen in die Verantwortung nehmen wollen, machte Baltzer klar: "Über Preiserhöhungen werden wir alle das bezahlen."