Tübingen Elfriede Jelineks "Winterreise" feiert Premiere am LTT

In Elfriede Jelineks "Winterreise", die am Freitag Premiere am LTT feierte, begeben sich die Schauspieler auf Wanderschaft durch die inneren und äußeren Seelenlandschaften. Foto: LTT/Patrick Pfeiffer
In Elfriede Jelineks "Winterreise", die am Freitag Premiere am LTT feierte, begeben sich die Schauspieler auf Wanderschaft durch die inneren und äußeren Seelenlandschaften. Foto: LTT/Patrick Pfeiffer
Tübingen / KATHRIN KIPP 22.04.2013
"Alle wollen lustig sein. Ich nicht": Elfriede Jelineks "Winterreise" ist derzeit im LTT zu sehen - und zu hören. Regisseurin Jenke Nordalm, Ausstatterin Jelena Nagorni und die Schauspieler ringen um Verständnis.

Alle rennen nach der Zeit, die Zeit rennt hinterher: Elfriede Jelineks lyrische Ichs sind in der 2010 entstandenen "Winterreise" auf Wanderschaft durch die inneren und äußeren Seelenlandschaften. Sie machen sich Gedanken über die Zeit, über die Sprache, über alles, vor allem auch über Schuberts gleichnamigen Liederzyklus samt den Gedichten von Wilhelm Müller, die Jelinek in ihre lyrisch-musikalischen Winterreisen-Variation traurig hineinwebt, in ihre vielen Sprachspielereien und rhythmischen Wortgesänge. In diesen komponiert sie immer und immer wieder neue Zeit-Reise-Wandel-Menschsein-Ichsein-Fremdsein-Variationen durch, dass einem ganz schwindlig wird.

Eine leicht elitär bildungsbürgerliche Textorgie, in der das lyrische Ich nicht nur bei sich selbst vorbeiwandert, beim Sein, Zeit, Seienden und beim Vorbeisein, sondern auch beim Politischen, bei den Affären der "Finanz" oder bei Natascha Kampusch, die es gewagt hat, nach ihrem Kelleraufenthalt in die Öffentlichkeit zu gehen. Oder bei Jelineks eigenem Vater (Gotthard Sinn), den ihre dominante Mutter und sie irgendwann ins Heim abschieben mussten.

Alles in allem eine spielerisch-dekonstruktive Textflut, die von der Regie und den Schauspielern einiges an Fantasie abverlangt, damit sie bei der Übersetzung auf die Bühne einigermaßen konkret, verständlich und gleichzeitig verspielt bleibt.

Jenke Nordalm und Jelena Nagorni bieten was fürs Auge, damit das nicht ganz ermüdet, neben der ganzen Kopfnahrung, die mit der Zeit schon ein wenig nerven kann, weil sie sich so oft im Kreis dreht, so blutleer daherkommt, so verkrampft verspielt ist. Man schwankt ständig zwischen Poesiehimmel und -hölle. Immer wieder klemmt sich ein kleiner Fetzen Erkenntnis dazwischen, dann herrscht wieder reine Selbstzwecksprachspielerei - Poetry Slam ohne Slam.

Jelena Nagorni hat die LTT-Werkstatt in ein 360-Grad-Alpenkino verwandelt, mit Bergen ringsum, im Fernseher auch Berge, samt Schneekuppen. Da wird einem ganz folkloristisch ums Herz, aus dem Radio dudelt Blasmusik. Ein Berg aus Plastikstühlen lädt zur Besteigung ein, genauso wie die Empore, die mit einer Papierzerfleddermaschine ausgestattet ist, denn schließlich ist alles vergänglich, auch Sinn und Text, Verweisung und Spiel.

Das lyrische Ich besteht aus den Schauspielern David Liske, Silvia Pfändner, Julienne Pfeil, Patrick Seletzki, Gotthard Sinn und Philip Wilhelmi (sowie Uta Krause als schneidende Fernsehgrimasse), die sich zeitwandelnd durch die Zuschauer und über die Bühne texten, sich traurig fühlen, weil die Zeit in allen sprachlichen Varianten so schnell flieht und keiner hinterher kommt. Philip Wilhelmi wird als Finanz-Affären-Assoziations-Braut geschmückt, gen Himmel gezogen, mit Geld gefüttert. Überall Konfetti und wollüstiges Gebaren, man huldigt der Finanz, auch wenn sie noch so böse ist. Die Braut wird gefreit, "erst jetzt hat sie alle Freiheiten". Das Publikum muss derweil fleißig die ganzen Allegorien entschlüsseln und bleibt dabei so manches Mal allein gelassen.

Die Bilder stehen zum Text eben in einem sehr variantenreichen Verhältnis, mal als Illustration, mal als Irritation. Mal läuft es quer, mal synchron, jedenfalls möchte man genauso schöne und schreckliche Bilder darbieten, wie Jelinek mit ihrer Textorgie, in der sie im Rundumschlag auf alles schimpft, bis der Leiermann kommt: auf Gesellschaft, Medien, Ich, Sein, Zeit, Tod.

Im LTT wird das Ganze sehr dynamisch dargeboten, kommt aber dennoch ein wenig angestrengt daher, auch wenn die Schauspieler alles geben, den Text einigermaßen musikalisch und verständlich rüberzubringen. Immer wieder schleichen sich Müllers Motive in den Text, wenn von Kälte, Tränen, schmelzendem Eis, Fremdheit, Ausgeschlossensein und verlorener Liebe die Rede ist. Immer wieder kommen Selbstzweifel auf, bis zur Selbstverleugnung.

Derweil verschwindet Wilhelmi im Kühlschrank, schaukelt Gotthard Sinn auf dem Skilift-Bügel, klettert Patrick Seletzki auf die Leiter und bastelt am Mond rum, spielt Liske Klavier. Liederabend. Kultur und Abgrund. Wilhelmi steigert sich in einen Schuhplattler hinein. Alle fallen immer mal wieder um. Es zieht uns fort, damit wir noch da sein können. Julienne Pfeil hockt auf dem Kühlschrank und gibt die Schweizer Tourismusbeauftragte: Man will eben nur bestimmte Fremde im Land haben. Noch mehr Assoziationen. Noch mehr Sanatorium. Noch mehr Irrlichter. Der Leiermann kommt. Endlich Ruhe. Nein, doch nicht.

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