Schwörtagsfest Eintauchen in eine völlig andere Zeit

Mit Kettenhemd und Ritterhemd: Die Besucher des Mittelaltermarktes fühlten sich in andere Zeit versetzt.
Mit Kettenhemd und Ritterhemd: Die Besucher des Mittelaltermarktes fühlten sich in andere Zeit versetzt. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Norbert Leister 16.07.2018

Die ein oder andere Person, die beim Mittelaltermarkt am Wochenende auf dem Gelände des Volksparks zu bestaunen war, wirkte wie ein Vorfahre einer heutigen Rocker-Clique. Oder wie die einstmals gefürchteten Wikinger. Oder was immer die jeweiligen Personen in ihren Zelten auch darstellen wollten. „Wir haben insgesamt 30 verschiedene Lager hier“, berichtete Anja Katz, die zusammen mit ihrem Mann Markus eher aussahen wie Vogt und Vogelfreie aus den Zeiten von Robin Hood.

Auch wenn die Ritter in ihren Kettenhemden mit ihren Schwertern, Beilen, Morgensternen oder Streitflegeln extrem gewalttätig wirkten: „Die Leute, die hier zusammenkommen, sind die friedlichsten der Welt“, zeigte sich Christian Brandtner überzeugt. Als Chef des Böblinger Security-Unternehmens MKD, das am Wochenende vor Ort war, erwartete er keinerlei Streit, Raufereien oder Schlimmeres. „Die Leute hier sehen sich ja zum Teil jedes Wochenende bei Mittelaltermärkten in ganz Deutschland.“ Und, so sagte auch Anja Katz, „die sind allesamt fast wie eine große Familie“. Sie und ihr Mann ziehen auch schon seit zehn Jahren durch die Lande, einstmals selbst als „Lager“, in dem sie eine bestimmte Epoche der Weltgeschichte darstellten, dann auch als gelernter Schmied. Irgendwann kam die Anfrage, ob sie sich die Organisation solcher Märkte nicht vorstellen könnten.

Sie konnten. „Das ist jetzt unsere sechste Veranstaltung“, sagt Markus Katz, der im wahren Leben bei der Firma Bosch in Horb arbeitet. Mit seiner Frau haben sie vier Kinder, Anja Katz führt zudem ein Werbebüro. Er kritisierte am Samstag die zunehmende Kommerzialisierung solcher Mittelaltermärkte, sie selbst hätten da anderes im Sinn: „Wir wollen nicht in erster Linie Geld verdienen und vor allem wollen wir keine 40 Schmuckstände hier haben“, sagte auch Anja Katz. Insgesamt waren neben den Lagern 43 Händler und Handwerker im Volkspark, darunter ein Schmied, der aus Hufeisen Herzen formte, eine Filzproduzentin, Falkner, Holzwaffenhersteller, Schuhmacher, Verkäufer von Hochprozentigem wie Drachenblut, es gab Kräuterhexen, Gaukler, zum Brüllen komische mittelalterliche Komödianten, die das Märchen von Dornröschen ganz neu interpretierten. Dazu kamen auch Musiker, die Mittelalter-Rock’n‘Roll präsentierten. Bierernst wurde das ganze Geschehen an den zurückliegenden Tagen also nicht betrachtet.

Dennoch war am Freitag, Samstag und Sonntag Eintauchen in eine andere Zeit angesagt. Was die Faszination dabei ausmacht? „Es gibt keine Uhrzeit, wenn wir zwei Tage auf solch einem Markt sind, dann heißt das vor allem – abschalten“, sagte Anja Katz. Dass man das doch auch im Wald machen könne, will sie nicht abstreiten, bei den Märkten kämen aber „die netten Leute dazu, wir sind wie eine Familie“. Allerdings werden nicht immer alle Familienmitglieder teilnehmen können, „wir müssen der Hälfte der Lager absagen, weil die Nachfrage so groß ist“, berichtete ihr Mann.

Aufwendig sei die Organisation solcher Märkte. „Wir müssen Genehmigungen einholen, Sicherheitskonzepte vorstellen, auf Feuer- und Fluchtgassen achten, auf Hydranten und vieles mehr“, sagte Markus Katz, der als Feuerwehrmann aber über solche Bereiche bestens informiert ist.

Mindestens 4500 Besucher sind am Wochenende zum Mittelaltermarkt gekommen, „wir brauchten 3000, um finanziell rauszukommen“, sagte Markus Katz. Ob der Markt nächstes Jahr wieder nach Reutlingen kommt, entscheide sich, nachdem sie am Sonntag und Montag wieder abgebaut haben, im Gespräch mit der Stadt. Die zahlreichen Besucher des vergangenen Marktes würden ihnen das mit Sicherheit danken – denn solch ein Treffen mit kuriosen Typen gibt es in der Stadt schließlich nicht alle Tage.

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