Zwei Tage dauert sie, die Inspektion, Bestandsaufnahme und Vermessung des 600 Meter langen Abwasserkanals, auch Ringdole genannt. Der älteste gemauerte Kanal im Bereich des früheren Stadtgrabens wurde am Dienstag und Mittwoch einer aufwendigen Generaluntersuchung unterzogen. Insgesamt waren rund 20 Personen im Einsatz, um die Inspektionsarbeiten in dem 4,50 Meter unter der Erde liegenden Kanal durchzuführen und die Arbeitssicherheit zu gewährleisten.

Es ist eng, dunkel und sehr nass hier unten und obwohl vor dem Abstieg eine Art Zwangsbelüftung durchgeführt wurde, riecht es - vorsichtig gesagt – gewöhnungsbedürftig. Jeder, der von den Pressevertretern den Abstieg wagt, wird mit einer Spezialkleidung, Helm und Gummistiefeln ausgestattet. Danach kann der Abstieg in die Reutlinger Unterwelt beginnen. Mit einem Flaschenzug abgesichert, klettern wir eine enge Röhre knapp fünf Meter unter die Erde, bis endlich wieder Boden – oder besser gesagt  Wasser und Matsch unter den Füßen zu spüren ist.

Reutlingens älteste Abwasseranlage ist 600 Meter lang, die vorhandenen Rohrdurchmesser reichen vom nichtbegehbaren Kreis­profil bis zum begehbaren Rechteckkanal mit einem Querschnitt von etwa 2,40 Meter. Die gemauerte Ringdole – sie führt rings um die Stadtmauer – wurde um 1870 im Bereich des früheren Stadtgrabens aus den Überresten der ehemaligen Stadtmauer gebaut und ist nach wie vor in Betrieb.

Deshalb muss sie auch mindestens alle 15 Jahre vermessen und mit einem Kanalroboter untersucht werden, ob eventuelle Schäden aufgetreten sind und welche Sanierungen notwendig sind. Zudem wird der Grundwasserspiegel und die Sicherheit der Statik überprüft: „Mit einer tragbaren Videokamera werden die Schäden erfasst“, erklärt Christian Schmid vom Ingenieurbüro Isas in Füssen, das mit den Sanierungsarbeiten betraut ist.

Die historische Ringdole wartet überdies mit einigen Besonderheiten auf: So gibt es in dem Kanal über hundert unterschiedliche Kanalprofile, mit Höhen von bis zu über zwei Metern. Auch die Längenabstände von einem Schacht zum nächsten von bis zu 200 Metern sind aus Sicherheitsgründen und für die Gewährleistung eines deutlich vereinfachten Betriebs der Kanäle seit einigen Jahrzehnten nicht mehr üblich. Gerade die großen Abstände zwischen den Schächten stellen die Stadtentwässerung Reutlingen (SER) als Betreiber der öffentlichen Abwasserbeseitigung vor eine besondere Herausforderung.

So musste etwa ein umfangreiches Sicherheitskonzept erstellt werden, in dem eine ausreichende Belüftung sichergestellt ist. Während der Untersuchungen sind zudem die Bergrettung der Reutlinger Feuerwehr vor Ort, um die Mitarbeiter der SER und der beauftragten Ingenieur- und Vermessungsbüros beim Einstieg in die Ringdole abzusichern. Insgesamt sind während der vergangenen Tage rund 20 Leute im Einsatz. Neun Millionen Euro im Jahr investiert die Stadt in das 600 Kilometer lange Kanalnetz, für Sanierungsarbeiten gibt sie im Jahr etwa 1,3 Millionen Euro aus.

Ob und in welchem Umfang eine Sanierung der Ringdole notwendig ist, entscheidet sich erst nach den aufwendigen Untersuchungen in der Unterwelt von Reutlingen.