Reutlingen Eins zwischen die Hörner für den jugendlichen Al Capone

PETER U. BUSSMANN 30.03.2012
Die viel beachtete Facebook-Anfrage blieb am Ende ein fehlendes Mosaiksteinchen. Nach den Indizien wurde der 20-jährige Angeklagte dennoch verurteilt.

Das zwischenzeitlich mächtig hochgekochte Medieninteresse versandete am fünften Verhandlungstag weitgehend. Amtsgerichtsdirektor Friederich Haberstroh, stets mit dem Schlimmsten rechnend, konnte sich deshalb gestern Vormittag entspannt auf hintergründige Flurgespräche mit den lokalen Journalisten beschränken.

Auch für Sierk Hamann als Jugendrichter war es am Ende ein ganz normaler Prozess mit einem Urteil, das weniger strafenden als vielmehr erzieherischen Charakter hat. So wurde der mittlerweile 20-jährige Angeklagte wegen Beihilfe zum Wohnungseinbruchdiebstahl zu einem Kurzarrest von vier Tagen verurteilt. Dieses Zuchtmittel soll, zitierte Hamann den Kommentar zum Jugendgerichts-Gesetz, "an die Ehre des jungen Menschen appellieren und ihm aufzeigen, dass er sich auf der schiefen Bahn befindet". Der Freiheitsentzug "vermittelt einen kleinen Einblick dessen, was mit Dieben und deren Gehilfen passiert", gab der Richter dem sich bis dahin betont cool gebenden Azubi - im sozialen Netzwerk MSN nennt er sich bezeichnenderweise "Al Capone" - mit auf den Weg.

Das Urteil basierte auf einem reinen Indizienprozess. Der Angeklagte hatte zu Recht in seinem letzten Wort darauf verwiesen, dass weder Spuren der Tat noch Diebesgut gefunden worden waren und deshalb "in dubio pro reo", im Zweifel für den Angeklagten seinen Freispruch gefordert.

Staatsanwalt Tobias Bernhard hatte dagegen in seinem Plädoyer akkurat das nachgewiesene Verhalten und die Äußerungen - darunter teils von der Polizei, teils von der Tochter der geschädigten Familie als Zeugin ausgelesene SMS - zusammengestellt. Wie der Besuch bei einer weitläufigen Bekannten, deren Familie an jenem Abend weg war, zustande kam, all die Fragen im Vorfeld, das ständige SMSen bei der Hausaufgabenhilfe, ein angebliches Sich-Verlaufen im Haus, der gemeinsame Besuch im Fastfood-Lokal und an der Tanke, ein langes, ungestörtes Telefonat auf dem Handy des Mädchens vorgeblich mit dem Vater, die Telefonnummer danach gelöscht - all dies "kann unverfänglich sein, kann aber auch nicht".

Der Richter griff in seinem Urteil dankbar auf diese Analyse zurück und "machte sich die Mühe, diese Mosaikstücke zu sortieren". "Ein Schritt zurück" und das Bild werde erkennbar: "Es ging Ihnen nicht um die junge Frau, es ging Ihnen um das Gebäude!" Er habe die Freundschaft der Abiturientin "ausgenutzt und missbraucht", die Örtlichkeit "ausbaldowert nach allen Regeln der Kunst", um seinem Kumpel ("ein jugendlicher Intensivtäter") ein Fenster zu öffnen und den so einsteigen zu lassen. Er informierte den anderen, dass die Luft rein sei, "lockte die Tochter weg und beteiligte sich nach der Tat scheinheilig an der Suche", so der Richter. Gut tausend Euro war die Beute wert.

Der psychisch belastende Einbruch in das gesicherte Leben wird besonders sanktioniert. Als Wiedergutmachung muss der junge Mann der Tochter 700 Euro zahlen. Und er muss bis Jahresende jeden direkten Kontakt zu dem Kumpel unterlassen. Durch diesen schlechten Umgang ist der an sich zielstrebige, intelligente und gut integrierte Azubi "massivst gefährdet, kriminell zu werden". Bei Verstößen drohen bis zu vier Wochen Jugendarrest. Obwohl er damit "eins zwischen die Hörner" bekommen hat, so Hamann, ist er nicht vorbestraft.

Und Facebook? Den weltumspannenden Konzern hindert vorgeblich US-Datenschutzrecht an der Herausgabe der Daten an deutsche Gerichte. Keine der Anfragen sei je beantwortet worden, sagt Hamann, der dem Ganzen "skurrile und kafkaeske Züge" bescheinigt. Er hegt erhebliche Zweifel an der Seriosität des Konzerns: "Facebook muss sich fragen lassen, ob dies nicht Züge einer Strafvereitelung hat."