Tübingen Eine Welt ohne Liebe und Hoffnung

Jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe in der „schönen neuen Welt“, einem verstörenden Paradies ohne Gefühle. 
Jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe in der „schönen neuen Welt“, einem verstörenden Paradies ohne Gefühle.  © Foto: Martin Sigmund
Von Jürgen Spieß 16.05.2018

Dass es eine Welt geben muss, die besser ist als diese, darüber waren sich die Gläubigen, Philosophen, Diktatoren und Revolutionäre schon immer einig, ganz egal, ob sie diese nun im Jenseits, in der fernen oder in der nahen Zukunft sahen. Die Sehnsucht nach den besseren Welten hat die Menschheit vorangetrieben, hat Religionen begründet, Diktatoren an die Macht gebracht, Kriege und Revolutionen ausgelöst. Der vor 86 Jahren veröffentlichte Weltbestseller „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley beschreibt dagegen eine perfekte Spaßgesellschaft, in der der Mensch kostengerecht zugerichtet wird, ohne Gefühle und Leidenschaft und ohne individuelle Freiheit. Die Menschen werden nach Arbeitskasten stigmatisiert und schrankenloses Ausleben der Sexualität wird nicht verpönt, sondern als erste Bürgerpflicht verkauft.

Ein verstörendes Paradies

Regisseur Dominik Günther nimmt diese Zukunftsvision einer hedonistischen Welt auf, in der nicht nur materielles Elend, Gewalt und Krankheit abgeschafft sind, sondern in der es auch keine Liebe und kein schöpferisches Leben mehr gibt. In seinem futuristischen Entwurf zeigt er einen Garten Eden auf Erden, ein verstörendes „Paradies“, das die Menschen mit eigenen Händen geschaffen haben. Jeder hat hier seine vorbestimmte Aufgabe und weiß, wo er hingehört, ob zu den glücklichen Betas, den führenden Alphas oder den arbeitenden – und ebenfalls glücklichen – Epsilons, die nicht einmal lesen können und als kriechende Schaumstoff-Klone dargestellt werden. Wer dagegen aus der Norm herausfällt, verliert das Privileg auf Glück, Gesundheit und ungetrübte Jugend.

Perfekte Spaßgesellschaft

Günther beschreibt die perfekte Spaßgesellschaft, die zumindest in kleinen Teilen längst Wirklichkeit geworden ist. Überspitzt zeichnet er eine grelle Karikatur, in der dauerstrahlende und geschlechtslose Klone fröhlich kopulieren, die Arbeit und das Vergnügen lieben und gemeinsam im Chor singen: „Alle sind wir nützlich, also auch ich“. Präsentiert wird das auf einer von Sandra Fox gestalteten Bühne, die durch zwei große Bildschirme geteilt ist. Die eine Seite zeigt ein Fitnessstudio, die andere eine sterile Fernsehwelt, in der im Hintergrund weiße Türen leise auf- und zugleiten, durch die die Darsteller treten. Sie alle tragen weiße Einheitskleidung, eine Art knielanges Nachthemd, bedruckt mit perfekten, aber geschlechtslosen Körpern. Die „Alte Welt“ wird symbolisiert durch einen Käfig, gefüllt mit Unrat und platziert zwischen den beiden sterilen Schaufenstern.

Bewohner dieses Käfigs ist John Savage (Jürgen Herold), ein Vertreter der Außenzone, der gegen die schöne neue Welt rebelliert und mit Shakespeare-Zitaten um die dauergrinsende und sexuell freizügige Lenina (Laura Sauer) wirbt. Aber nicht nur bei John, auch bei den beiden zweifelnden Alphas Bernhard Marx (Daniel Holzberg) und Helmholtz Watson (Heiner Kock) zeigen sich schon bald erste Risse in ihrer System-Gläubigkeit. Sie möchten ausbrechen aus dieser dekadenten Welt, in der als letztes Mittel der Ruhigstellung die Soma-Droge dient. Und doch werden sie am Ende vom Weltkontroller Mustapha Mond (Rolf Kindermann) wieder eingefangen und auf eine einsame Insel verbannt. Mit dem Erscheinen dieses charismatischen Welterklärers gewinnt die Inszenierung an Fahrt, weil er der Erste ist, der die schöne neue Welt mit schlüssigen Argumenten erklärt.

Gemeinsam mit dem Wilden John Savage hat dieser Weltkontroller die stärkste Rolle des Stücks inne. Er ist ein intelligenter Fürsprecher der neuen Welt, steckt jeden mit seinen Argumenten in die Tasche und treibt am Ende den Alte-Welt-Gläubigen John sogar in den Selbstmord. Damit bleibt Dominik Günther nahe an Huxleys Vorlage, der seinen Roman als eine grelle Zukunftsvision auf eine vergnügungssüchtige und dekadente Spaßgesellschaft verstanden hat.

Die nächsten Termine im Überblick

„Schöne neue Welt“ wird an folgenden Terminen am LTT wieder aufgeführt: 17., 18. und 19. Mai, 7. und 15. Juni, 11. und 19. Juli. Beginn ist um 20 Uhr.

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