Reutlingen Eine Welle der Menschlichkeit

Günter Klinger (Diakonieverband), Dr. Wolfgang Grulke (Liga-Vorsitzender), Birgit Hammer (AWO), Asylpfarrerin Ines Fischer, Matthias Schlautmann (DRK) und Peter Donecker (Diakonie) starten die Kampagne unter www.mut-rt.de.
Günter Klinger (Diakonieverband), Dr. Wolfgang Grulke (Liga-Vorsitzender), Birgit Hammer (AWO), Asylpfarrerin Ines Fischer, Matthias Schlautmann (DRK) und Peter Donecker (Diakonie) starten die Kampagne unter www.mut-rt.de. © Foto: Evelyn Rupprecht
Von Evelyn Rupprecht 10.07.2018

Eine Welle soll über den Landkreis rollen. Vielleicht sogar ein Tsunami im besten Sinne. Einer, der Verständnis füreinander und mehr Teilhabe mit sich bringt. Das wünscht sich Günter Klinger vom Diakonieverband Reutlingen, der zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas, dem Paritätischen Kreisverband und dem Deutschen Roten Kreuz die Kampagne „Für Menschlichkeit und Toleranz“ startet. Im Internet ist sie bereits zu finden unter www.mut-rt.de.

40 Prominente wie Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch oder Landrat Thomas Reumann haben schon ihre Statements abgegeben. Und nicht nur das. Fotos von ihnen stehen neben den Stellungnahmen, in denen sie für ein besseres Miteinander werben. „Sie zeigen Gesicht“ für die Aktion der Liga der freien Wohlfahrtspflege, wie es deren Vorsitzender Dr. Wolfgang Grulke formuliert. Und wenn es nach Günter Klinger geht, dann folgen den 40 Vorreitern noch viele, viele Menschen, die all jenen „eine Stimme geben, die keine Stimme haben“. Auf über 100 000 Einträge auf der Homepage hofft der Diakonie-Geschäftsführer. 100 000 Leute, die – wie die Prominenten – antreten, um anderen zu helfen, in einer Welt, in der offenbar unterteilt werde in Berechtigte und Nicht-Berechtigte, in Zugehörige und Nicht-Zugehörige. Etwas, das zu Gewalt und Krieg führe, so die Erkenntnis der Liga.

Mit Sorge betrachte man die Änderung im öffentlichen Diskurs. „Menschen werden erniedrigt und ausgegrenzt“. Deshalb sei es wichtig, sich für gelebte Menschlichkeit und Toleranz einzusetzen, ein Bekenntnis für die Vielfalt abzugeben und sich für ein konstruktives Miteinander zu engagieren. „Wir haben offene Türen eingerannt“, erklärt der Vorsitzende der Liga mit Blick auf jene 40 Vertreter des öffentlichen Lebens, die man um erste Statements gebeten hat.

„Wir leben in einer Zeit, in der Worte, die auf den ersten Blick unverfänglich erscheinen, mit neuen oder zusätzlichen Bedeutungen versehen und von Menschen missbraucht werden, die nicht in unserem Namen sprechen. Wir sehen uns in unserem Land einem wachsenden Nationalismus, einem kurzsichtigen Egoismus bis hin zu einem menschenverachtenden Fanatismus gegenüber. Auch wenn es sich derzeit noch um eine Minderheit handelt, so müssen wir doch die Warnsignale erkennen – einfache Antworten, Lügen, Fälschungen und Verzerrungen sollen die öffentliche Meinung beeinflussen. Auch hierfür hat unsere Geschichte bereits Beispiele“, heißt es in Kampagnentext.

„Wir sind für Menschlichkeit, Toleranz und Demokratie. Dieses Bekenntnis ist uns wichtig, weil wir eine Diskussionskultur wahrnehmen, in der immer häufiger Tabus gebrochen und Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Lebensformen, ihrer körperlichen Einschränkungen oder ihrer politischen Haltung offen oder verdeckt angegriffen und ausgegrenzt werden. Dies geschieht zunehmend mit einer Wortwahl, bei der eine Verletzung der Würde anderer Menschen in Kauf genommen wird, oder beabsichtigt ist“, heißt es in der Kampagne weiter.

Auch Asylpfarrerin Ines Fischer beklagt die Verrohung der Sprache. „Die Menschen werden irgendwann so behandelt, wie über sie geredet wird“, gibt sie zu bedenken. Beispiele wie das von AfD-Chef Alexander Gauland, der im Zusammenhang mit Menschen von „entsorgen“ spreche, seien alarmierend genug. Der Internetkampagne, die längerfristig angelegt ist, sollen freilich auch Taten folgen. Ab Herbst, so Fischer, sind Veranstaltungen dazu geplant. Jetzt sind laut Günter Klinger erstmal alle – auch Kirchen, Kommunen, die Wirtschaft und Vereine – dazu aufgerufen, unter www.mut-rt.de Gesicht zu zeigen. Unterwandert werden könne die Aktion übrigens nicht, versichern Peter Donecker vom Diakonieverband und Wolfgang Grulke. Denn jeder Beitrag werde erst von ihnen gelesen und gehe dann online.

Sollten’s also wirklich 100 000 werden, die mitmachen wollen, dürfte die Liga viel zu tun bekommen in den nächsten Wochen und Monaten.

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