Wer das Stadtbild von Nördlingen oder Rothenburg ob der Tauber kennt, hat in etwa einen Eindruck davon, wie auch die heutige Reutlinger Altstadt, umgeben von Mauern, Toren und Türmen, früher aussah. Es wird vermutet, dass es zunächst eine Wall-Graben-Befestigung gab, die im 13. und frühen 14. Jahrhundert nach und nach durch eine Stadtmauer ersetzt wurde. Bereits 1267 wird das Tübinger Tor erstmals genannt. In der Folgezeit wurde die Stadtmauer durch das Anwachsen der Bevölkerung erweitert und immer wieder an die neusten Fortschritte der Waffentechnik angepasst.

Ein detailreiches Bild von Reutlingen im Jahr 1620 überliefert der Kupferstich des Goldschmieds Ludwig Ditzinger, als Reproduktion zu sehen im Heimatmuseum.  In jüngster Zeit hat sich vor allem Linda Gaiser, tätig in der Denkmalpflege, mit der Reutlinger Stadtbefestigung beschäftigt. Ihre Forschungsergebnisse kann man in den „Reutlinger Geschichtsblättern“ nachlesen. Weitere Abbildungen der alten Anlagen finden sich im Katalog „Stadt Bild Geschichte“, erschienen 1990. Sehr anschaulich ist auch das Kartenmaterial des Archäologischen Stadtkatasters, das Alois Schneider 2003 veröffentlichte.

Eine ganze Reihe von Verteidigungslinien sollte Feinden den Zugang zur Stadt verwehren. Nach dem Ditzinger-Stich, der Reutlingen nach dem frühneuzeitlichen Ausbau der Stadt zeigt, hatten Angreifer die Echaz, Gräben, Wälle, die niedrigere Zwingermauer und die höhere Hauptmauer zu überwinden. Beide Mauern wiesen verschiedene Arten von größeren und kleineren Türmen auf. Insgesamt 36 Türme soll die Reutlinger Stadtbefestigung nach dem Stadtchronisten Johann Fizion (1573-1653) gehabt haben.

Wie in den meisten anderen Städten, die im Mittelalter von einer Mauer umgeben waren, ist auch in Reutlingen leider nur noch wenig von dem monumentalen Bauwerk erhalten. In der Jos-Weiß-Straße kann man sich jedoch einen Eindruck von den Befestigungsanlagen verschaffen. Hier ist ein Stück der Stadtmauer mit ihren Kragbögen und dem überdachten Wehrgang erhalten. Nördlich des Albtorplatzes konnte man von dort in den Kesselturm gelangen, dem letzten erhaltenen Mauerturm der inneren Stadtmauer. Als Ausguck, Standort für Schützen und stabilisierendes Element erbaut, war er später zeitweise Lagerraum und ist laut Gaiser vermutlich auch mit einem 1887 genannten, eckigen Türmchen identisch, in dem Verbrecher ihre letzte Nacht vor der Hinrichtung verbrachten. Der Kesselturm war, wie das Kataster von 1820 zeigt, als Schalenturm erbaut. Er war zur Stadtseite hin offen, so dass Feinde sich nicht darin verschanzen konnten.

Vor der Mauer liegt stadtseitig immer noch die mittelalterliche Wehrgasse. Sie durfte, solange die Mauer noch der Verteidigung diente, nicht bebaut oder verstellt werden, um im Angriffsfall rasch auf den Wehrgang gelangen zu können. Türme und Mauern hatten Schießscharten, die so angelegt waren, dass es keine „toten Winkel“ gab.

Zum Ensemble in der nördlichen Jos-Weiß-Straße gehört auch das Zeughaus, das an den Kesselturm anschließt und dessen Steinmauern nur noch im unteren Teil erhalten sind. Im Zeughaus wurden früher Waffen und militärische Ausrüstung gelagert und instandgesetzt. Zwei Inschriften datieren es auf das Jahr 1546. Um diese Zeitstellung zu veranschaulichen, sei gesagt, dass dies das Todesjahr Martin Luthers war. Ehemals überspannte das Zeughaus, wie Linda Gaiser ausführt, den etwa neun Meter breiten Zwinger. Dies ist der Bereich zwischen den beiden Mauerlinien, in dem bis hierher vorgedrungene Angreifer eingekesselt und dem Beschuss aus mehreren Richtungen ausgesetzt waren.

Gegenüber befindet sich einer von zwei noch erhaltenen Zwingertürmen, an dessen Außenwand die Ansätze der früheren Zwingermauer zu erkennen sind. Die drei Stockwerke des halbrunden Turms, der die nordöstliche Ecke der Stadtbefestigung bildete, zeigen eine Mauerstärke von etwa einem Meter und werden heute von einer Gaststätte genutzt.

Der zweite Zwingerturm, der so genannte Eisturm, steht neben der Jos-Weiß-Schule vor dem südlichen Ende der Stadtmauer, an die nach dem verheerenden Stadtbrand im Jahr 1726 Häuser angebaut wurden. Der Rundturm wird in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert und lässt ebenfalls den Ansatz der Zwingermauer erkennen.

Seinen Namen erhielt der Eisturm von seiner einstigen Funktion als Eiskeller der Stadt von 1877 bis 1906. Heute beherbergt er technische Anlagen. Eine Besonderheit sind die figürlichen Wasserspeier am Turm, deren Reste eine hockende männliche Gestalt sowie ein männliches Tier erkennen lassen.

Reutlinger Befestigungsanlagen


Im 13. und 14. Jahrhundert wurde Reutlingen durch eine Stadtmauer befestigt. Bereits 1267 wird das Tübinger Tor erstmals erwähnt. In Reutlingen sind noch einige der alten Befestigungsmauern zu sehen. In einer kleinen Serie stellen wir die Befestigungsanlagen, das Tübinger Tor und das Gartentor vor.