Reutlingen Eine Tat, die sprachlos macht

Amtsgericht Reutlingen
Amtsgericht Reutlingen © Foto: Archiv
Reutlingen / Carola Eissler 10.07.2018

Selbst der ermittelnde Kriminalkommissar hatte so etwas in seiner Laufbahn noch nicht erlebt. Staatsanwalt Martin Klose sprach in seinem Plädoyer von einer „außergewöhnlichen Tat“, einer Tat, die einen sprachlos mache. Wegen sexueller Nötigung unter Gewaltanwendung und diverser Diebstähle sowie unter Einbeziehung einer bereits vom Amtsgericht Stuttgart ausgesprochenen Bewährungsstrafe verurteilte das Reutlinger Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Eberhard Hausch den 49-jährigen Rumänen zu drei Jahren und sechs Monaten Haft. Auch wenn die Seniorin die Tat offensichtlich gut verarbeitet habe, so habe der Täter die Hilflosigkeit der Seniorin ausgenutzt, sei bei Nacht in ihr Zimmer eingedrungen, habe sie sexuell genötigt und bestohlen.

Im November vergangenen Jahres war der Mann über die Terrassentür in das Zimmer der alten Dame im Samariterstift Pfullingen eingestiegen. Dort verschloss er die Tür von innen, durchsuchte nicht nur das Zimmer nach Wertsachen, sondern ging die Frau sexuell an, befriedigte sich vor ihr, zwang sie, ihn zu berühren und berührte seinerseits die hilflose Seniorin, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Das Opfer wehrte sich zwar, war dem 49-Jährigen Täter aber nicht gewachsen. Schließlich gelang es der Frau,  um Hilfe zu schreien, was einen Pfleger, der gerade seinen Kontrollgang machte, alarmierte. Als der Pfleger mit einem Generalschlüssel die Tür öffnete, war der Täter bereits durch die Terrassentür wieder ins Freie gerannt und verschwunden. Allerdings: Seine Mütze ließ er am Tatort zurück. Sie führte dann zum Täter.

Erstaunlich, wie die 85-jährige Frau gestern vor dem Amtsgericht Reutlingen überlegt die Tatnacht schildern konnte. Die Tür samt Rolladen haben sie immer einen Spalt offen, damit ihr geliebter Kater aus- und eingehen könne, berichtete die Frau. In jener Nacht sei sie aus dem Schlaf erwacht und habe einen Fremden erblickt, der neben ihrem Bett in ihrem Rollstuhl saß und onanierte. Dann ging alles sehr schnell. Als die Frau zu schreien anfing, hielt der Täter ihr zuerst den Mund zu und drückte ihr anschließend ein Kissen ins Gesicht. Ein Umstand, den die Staatsanwaltschaft im Plädoyer als schwerwiegend wertete, schließlich hätte die Seniorin zu Tode kommen können.

Erst kurze Zeit vor der Tat war der Rumäne nach Deutschland eingereist. Im Herbst 2017 war er mit einer Arbeiterkolonne hierher gekommen. Mit der Bezahlung schien es nicht zu klappen, für sechs Wochen Arbeit auf dem Bau habe er nur 680 Euro erhalten, weil der rumänische Mittelsmann mit seinem Lohn verschwunden sei. Danach hatte er noch Auftritte mit einer rumänischen Musikband, verdiente dabei wohl 1000 Euro. Bereits Mitte November begab sich der Mann auf Diebestour. Bis Anfang Dezember verübte er mehrere Straftaten, vor allem Diebstähle, einen Autoaufbruch und Ende November eben die sexuelle Nötigung im Samariterstift. Die im Seniorenheim gestohlenen Gegenstände wollte er seiner Mutter geben, wie er vor Gericht betonte. Ein hochwertiges Hörgerät im Wert von 3000 Euro, eine Zahnproteste, Kleingeld. Vor allem der Verlust der Zahnprothese ist für die alte Dame ein großes Problem. „Die neue passt einfach nicht richtig“, wie sie mehrfach vor Gericht betonte.

Verteidiger und Angeklagter schilderten abwechselnd die prekäre Situation, in der der Rumäne sich befunden habe. Er sei völlig mittellos gewesen, habe auch kein Geld gehabt, um nach Rumänien zurück zu kehren, habe versucht, seine Familie finanziell zu unterstützen. Eine Schilderung, die Richter Hausch nicht so recht nachvollziehen konnte. Zwischen Herbst und Anfang Dezember habe er über mindestens 1680 Euro verfügt, zudem innerhalb kürzester Zeit wiederholt Straftaten verübt, warf Hausch ihm vor. Dazu sei der Angeklagte auch erheblich gependelt, von Reutlingen über Metzingen bis Stuttgart. „Offensichtlich ist er ziemlich herumgekommen.“

Drei Jahre und acht Monate hatte die Staatsanwaltschaft gefordert, der Verteidiger ein Strafmaß von zwei Jahren als genügend angesehen. Er führte vor allem an, der Angeklagte habe sich in einem persönlichen Brief an das Opfer entschuldigt, Worte der Entschuldigung fielen auch im Gerichtssaal. Ein Umstand, den Richter Hausch allerdings nicht allzu hoch bewerten wollte. Denn der Brief sei erst sieben Monate nach der Tat verfasst worden, kurz vor Prozessauftakt. „So arg weit her ist es offensichtlich nicht mit der Reue.“

Als Schadenswiedergutmachung wurde eine Summe von 1500 Euro festgesetzt. Ob es jemals eine Rückerstattung gibt, bleibt offen. Ebenso wie der Umstand, dass der Angeklagte die Kosten des Verfahrens zu tragen hat. Zumindest auf dem Papier.

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