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Unwetter
Reutlingen / Von Kathrin Kammerer  Uhr

Jung, ehrgeizig, erfolgreich und aus der Region Neckar-Alb: Tornados, meterhoher Schnee, Vulkanausbrüche: Marco Kaschuba aus Reutlingen liebt Wetter in allen Extremformen. Porträt eines Sturmjägers.

Wenn die meisten Menschen erschrocken zusammenzucken und auf dem schnellsten Weg einen sicheren und trockenen Unterschlupf suchen, dann zückt Marco Kaschuba seine Kamera. Wenn ein Unwetter aufzieht, wenn es blitzt, stürmt, regnet, hagelt, glüht oder schneit, wenn in der Atmosphäre irgendetwas Extremes passiert, dann läuft der 37-jährige Reutlinger erst richtig warm.

Reutlingen Marco Kaschuba - Der Sturmjäger

Eigentlich ist Marco Kaschuba gelernter Fachinformatiker. Aber seine große Liebe und ganze Faszination gilt – neben seiner Frau und seinen zwei Töchtern – dem Wetter: Der Kraft, der Unberechenbarkeit und der Schönheit von Wetterphänomenen, aber auch der Zerstörung, die sie anrichten können. In jungen Jahren besuchte er oft seinen Vater, der nach Alabama ausgewandert war. Dort erlebte er die ersten Tornados, begann diese zu filmen und zu fotografieren: Der Sturmjäger in ihm erwachte.

Wetterreporter vor Ort

Kaschuba ist ein sportlicher Mann mit einem aufmerksamen Blick, 1,70 Meter groß, Dreitagebart. Den ersten Interviewtermin musste er kurzfristig absagen: In den italienischen Alpen war der Winter eingebrochen. Da musste er als Wetterreporter selbstverständlich vor Ort sein. Seine Aufträge führen ihn mittlerweile nicht mehr nur durchs ganze Ländle, sondern auch durch ganz Europa. Nach der Ausbildung zum Fachinformatiker hatte er Meteorologie studiert. Später gründete er seine eigene Agentur Extremwetter TV. Seit fünf Jahren ist das Wetter nun sein Hauptberuf. Das, was ihn schon seit Kindestagen so fasziniert hat. Erst neulich gewann er für einen seiner Filme den Wettergipfel-Award.

Kaschubas wichtigstes Werkzeug sind Satellitenbilder und Wetterdaten. So kann er ziemlich genau erahnen, wann es wo zu welchen Stürmen, Gewittern, Schauern oder Niederschlägen kommt. Lieblings-Unwetter? Hat er nicht, sagt der 37-Jährige. Jedes Unwetter sei schließlich auf seine ganz eigene Weise faszinierend.

Wobei er zum Hagel schon eine besondere Bindung hat, wie er erzählt: An der Uni Hohenheim hat er lange zum Thema geforscht, später vor Versicherungen Vorträge gehalten und mit einem Wissenschaftler sogar eine Hagelkanone für Materialtests entwickelt. 2013 kam der Hagel seiner Heimat dann bedrohlich nahe: Ein Unwetter richtete im Landkreis Reutlingen Schäden in Millionenhöhe an. Kaschuba war mittendrin: Er fuhr mit dem Auto raus, beobachtete, wie sich die Wolken zusammenzogen, filmte emsig, selbst als die Windschutzscheibe schon zu splittern begann und als die Körner bedrohlich laut aufs Dach prasselten. In Lichtenstein entdeckte er bei einem erneuten Unwetter eine Woche später ein 14 Zentimeter großes Hagelkorn: „Das ist bis heute das größte, erfasste Hagelkorn in ganz Deutschland“, sagt er.

Kaschuba öffnet seinen Laptop und zeigt beeindruckendes Bild- und Videomaterial aus den vergangenen Jahren: Ein Vulkanausbruch des Ätna, die Nordlichter in Tromsø, Drohnenaufnahmen von einem Gletscher, meterhohe Schneeberge in Zermatt, Waldbrände auf Sizilien, die Wüste Mexikos. Auf einem Video kämpft er gegen enorme Windböen, wie es scheint. Ein Regenschirm, den er in den Händen hält, wird zerfetzt. Das waren 150 Stundenkilometer-Winde auf dem Feldberg, erklärt er.

Da sind die Boras – Fallwinde, die an der Adria auftreten – schon spektakulärer. Einmal steckte Kaschuba mit zwei Kollegen mitten in einer solchen Bora in Kroatien. Bis zu 300 Stundenkilometer erreichten die Winde. „Ich hab mich nur noch an einer Leitplanke festgeklammert“, erinnert sich der Sturmjäger. Um die drei Männer herum flogen Holzplatten und faustgroße Steine durch die Luft, die es aus dem Boden gerissen hatte. „Ja, da hatten wir riesiges Glück“, gibt er zu. „Das dauerte nur 30 Sekunden, gefühlt war es aber eine komplette Ewigkeit.“ Am Ende hatte er Blutergüsse an den Händen, weil er sich so verzweifelt festgeklammert hatte.

Ein anderes Mal war er mit seiner Frau in Oklahoma auf Sturmjagd. Dann brach die Internet-Verbindung zusammen – und er hatte plötzlich keine Ahnung mehr, in welche Richtung sich der Tornado nun bewegt. Mit seiner Frau flüchtete er in eine Tankstelle, Autos sollte man bei Tornados nämlich meiden, sagt er. „Da hatte ich keine Kontrolle mehr, das war schlimm. Denn normal habe ich die immer.“

Safety first

Diese Kontrolle zu bewahren, ist für Sturmjäger überlebenswichtig. Wenn die Internet-Verbindung abreißt oder der Fluchtweg versperrt ist, kann das tödlich enden. 2013 starb der erfahrene amerikanische Sturmjäger Tim Samaras mit seinem Sohn und einem Freund bei der Jagd nach einem Tornado. „Safety first“, gelte auch bei ihm, sagt Kaschuba. Besonders seit er zweifacher Vater ist.

Seine Wetter-Touren enden nicht mit dem Unwetter. Auch die Folgen will er sehen, analysieren, dokumentieren. Es ist die Gesamtheit des Wetters, die ihn fasziniert, sagt er, nicht nur das perfekte Bild. Als Hurrican Katrina 2005 die Ostküste der USA heimsuchte, war er auch vor Ort. „Das sind schlimme Szenen, da sieht man auch Tote und so viele verzweifelte Menschen, die alles verloren haben“, sagt er. Dann lege auch er seine Kamera beiseite.

Lässt sich so eine Wetterliebe vererben? Naja, seine Mutter sei eher ängstlich bei Gewittern, sagt Kaschuba und lacht. Aber seine beiden Töchter bestaunen schon vom heimischen Fenster aus die Schwäbische Alb mit ihren prächtigen Sonnenuntergängen und dem mystischen Nebel. Kaschubas Vater lebt mittlerweile auf den Philippinen, dem Land mit den meisten tropischen Wirbelstürmen. Asien habe wettertechnisch auch einiges zu bieten, sagt der 37-Jährige dann fast ein bisschen wehmütig. Aber die Infrastruktur sei dort sehr schlecht – zu schlecht fürs Sturmjagen beziehungsweise eine eventuelle Flucht: „Das kann zu gefährlich werden.“ Und da gewinnt der Familienmensch in ihm die Oberhand über den Sturmjäger.

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