Erst, es war kurz vor 22 Uhr, kam das Donnergrollen. Dann der Hagel. Und schließlich der Starkregen. „Und nach 30 Minuten dachte ich eigentlich, es wäre alles vorbei und wollte ins Bett gehen“, schaut Bürgermeister Michael Schrenk auf den Freitagabend zurück. Aus der Nachtruhe wurde allerdings nichts. Dann hat nämlich das Telefon geklingelt. Ein Satz von Dietmar Rall reichte, und Schrenk war wieder munterer als ihm lieb sein konnte. „Pfullingen säuft gerade ab“, teilte der Feuerwehrkommandant dem Bürgermeister kurz und knapp mit. Beide konnten zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen, dass das Unwetter noch schlimmere Folgen haben würde, als das Hochwasser im Jahr 2013. Und das hat den Pfullingern schon übel genug mitgespielt.

Der Eierbach war komplett aus dem Bett getreten, der Sulzbach auch, die Echaz sowieso. Sie alle waren auf gut zwei Meter über den Normalpegel angestiegen. Straßenzüge wurden überflutet, am Gymnasium, in der Gries- und in der Gönninger Straße schwammen ganze Reihen parkender Autos. Das Feuerwehrhaus stand im Nu unter Wasser, Tiefgaragen liefen voll – genauso wie unzählige Keller, ja ganze Wohnungen. Schnell war klar, dass die Pfullinger Feuerwehr das alles nicht allein stemmen konnte.  Hilfe wurde angefordert – und die Feuerwehren Reutlingen, Engstingen, Pliezhausen, Waldorf-Häslach, Dettingen, Metzingen, Bad Urach, Ohnastetten, Riederich, Sonnenbühl, Lichtenstein, Tübingen und Mössingen waren zur Stelle. 261 Einsatzkräfte versuchten in der Nacht zum Samstag mit 42 Fahrzeugen der Fluten Herr zu werden. DRK und Polizei rückten genauso an wie die DLRG-Wasserrettung, die zur Vorsicht angefordert worden war, dann aber zum Glück keine Vermissten suchen musste.

Ganz so glimpflich, was die Gefahr für Leib und Leben anging, waren die Folgen des Unwetters trotzdem nicht. Mehrere Gebäude mussten evakuiert werden. Und kurzzeitig waren sogar einige Leute in einem Treppenhaus vom Wasser eingeschlossen. Um sie aus dem Gebäude holen zu können, musste die Stromzufuhr – wie an einigen anderen Stellen in der Stadt auch – gekappt werden. Stephan Wörner, Pressesprecher der Feuerwehr Pfullingen, listete am Samstagvormittag, als die  Einsätze zur Hälfte abgearbeitet waren, allerdings immer neue Alarmierungen reinkamen, die größten Schäden auf. „Das Trachtenmuseum ist überschwemmt, der Keller des Feuerwehrhauses und die Tiefgarage in der Hohe Straße auch, die App-Halle ist betroffen und die Turnhalle des Gymnasiums ebenfalls“. Das freilich ist nur ein Teil der Schäden.

Schon zu Beginn der Nacht war der Ausnahmezustand ausgerufen worden, der Krisenstab für außerordentliche Ereignisse wurde aktiv. Bürgermeister Michael Schrenk und Stadtbaumeister Karl-Jürgen Oehrle waren bis 4.30 Uhr morgens unterwegs und dann wieder ab 8 Uhr. „In der App-Halle ist es nochmal glimpflich abgegangen“, stellten sie erleichtert fest. Allerdings ist die Gymnasiums-Turnhalle, deren Boden schon bei dem Unwetter 2013 zerstört worden war, in einem völlig desolaten Zustand. „Es ist ein Totalschaden“, so Schrenk. Weshalb die Halle, wie vor der letzten Sanierung, geschlossen bleiben muss. Dabei gäbe es eigentlich einen Hochwasserschutz fürs Gymnasium. Allerdings kamen die Fluten zu schnell. Der Schlauch, der die Fenster schützen und abdichten sollte, konnte nicht mehr ausgerollt werden. Die Fenster zerbarsten, das Wasser war nicht mehr aufzuhalten.

„Ernüchternd“, so fasst der Bürgermeister die Geschehnisse der Nacht zum Samstag zusammen. Der Schaden, ahnt Karl-Jürgen Oehrle, dürfte sich in Pfullingen auf mehrere Millionen Euro belaufen. Und die Stadt, erklärt Michael Schrenk mit Blick auf die Schäden an den kommunalen Einrichtungen, „kann das nicht alleine leisten“. Er fordert eine finanzielle Krisenhilfe vom Land ein. Denn selbst wenn die Versicherungen ihren Anteil zahlen – die Gutachter werden wohl die gesamte Woche in Pfullingen unterwegs sein – bleibt noch ein dicker finanzieller Brocken an der Kommune hängen.

Derweil hat die Feuerwehr am Samstag noch so viel zu tun gehabt, dass an Ausruhen nicht zu denken war. An der Taläckerstraße musste ein 70-Tonnen-Kran Bäume, die die Wehr abgesägt hatte, aus dem Bett des Sulzbaches ziehen. Gleich hinter dem Schloss musste ebenfalls ein Spezialkran ran. Dort hatten die Fluten die Fußgängerbrücke abgerissen. Sie aus der Echaz zu bekommen, bereitete den Pfullingern gestern schon allein deshalb  Kopfzerbrechen, weil an der engen Stelle schweres Gerät kaum Platz hat. „Aber die Brücke muss weg. Sie hängt nur noch an einem Verbindungsteil. Wenn sie sich löst, kann das richtig gefährlich werden“, so Kommandant Rall. Am Mittag konnte die Brücke dann endlich geborgen und auf einem Tieflader zum Bauhof verfrachtet werden. Zu dem Zeitpunkt war indes halb Pfullingen noch mit Schlamm-Schippen und dem Trockenlegen und Ausräumen der überfluteten Gebäude beschäftigt. Ganze Hausstände stapelten sich durchnässt, teilweise zerstört an den Straßen. Denn, so Sören Seitz, ein Anwohner der Griesstraße, „als sich das Wasser zurückgezogen hat, blieb eine dicke Schlammschicht zurück“. Immer wieder, erinnert er sich, sei in der Nacht das Platzen von Fensterscheiben zu hören gewesen. So muss es auch bei der Firma Freya gewesen sein, aus der die Feuerwehr noch bis Samstagabend das Wasser abgepumpt hat. Da dauerte der Einsatz bereits 24 Stunden.

 
Kampf gegen trocknenden Schlamm

Millionen-Schaden nach Starkregen