Reutlingen/Pfullingen Eine Kardinälin - das wär's!

Reutlingen/Pfullingen / EVELYN RUPPRECHT 04.04.2015
Er will die katholische Kirche weiter voranbringen - und kritisiert sie zugleich heftig: In einem "Oster-Gespräch" mit unserer Zeitung nimmt Dekan Hermann Friedl kein Blatt vor den Mund.

Seit zwei Jahren ist Hermann Friedl Pfarrer in der katholischen Seelsorgeeinheit Echaztal, zu der die Gemeinden St. Wolfgang Pfullingen und Bruder Konrad Lichtenstein gehören. Seit Oktober vergangenen Jahres steht er dem Dekanat Reutlingen-Zwiefalten vor.

Herr Friedl, hatten Sie nicht genug zu tun als Pfarrer, oder warum haben Sie jetzt auch noch den Job als Dekan übernommen?

HERMANN FRIEDL (lacht): "Job?! Das passt schon. Tatsächlich war die Arbeit als Pfarrer in der Seelsorgeeinheit überschaubar. Ich hatte noch Kapazitäten frei, und es hat mich gereizt, auf einer anderen Ebene etwas gestalten zu können. Nach der ersten Dekanatskonferenz habe ich von den Mitarbeitern auch schon positive Rückmailings bekommen. Die Leute sagen: Du nimmst uns ernst, Du schätzt uns wert. Wir wollen ja auch die Kirche voranbringen und ihr ein anderes Gesicht geben. Es ist wichtig, sie anders darzustellen, als sie gemeinhin empfunden wird. "

Wie wird die katholische Kirche denn Ihrer Meinung nach von den Menschen wahrgenommen?

FRIEDL: "Sie hat nicht den besten Ruf. Mich zum Beispiel regt dieses Machtgebaren am meisten auf. Nehmen wir doch mal Kardinal Marx, der jetzt Mitglied im Päpstlichen Rat ist. Nur weil der ein paar Mal im Jahr nach Rom fährt, braucht er eine eigene Villa, die neun Millionen Euro kostet. Für die Renovierung kommen, glaube ich, sogar noch zwei Millionen dazu. Da krieg' ich einen Vogel, wenn ich das höre. Und der Papst selbst wohnt in einem Gästehaus. Dabei ist Kardinal ja ein Ehrentitel. Schade, dass der Papst ihn nicht abgeschafft hat."

Was würde denn passieren, wenn dieser Titel weggestrichen würde?

FRIEDL: "Die Kardinäle wählen ja den Papst. Wenn's die nicht mehr gibt - wer wählt dann? Das Volk? Das wäre eine spannende Sache. Eine Revolution! Aber was anderes: Weil's ja ein Ehrentitel ist, könnte der auch einer Frau verliehen werden. Eine Kardinälin - das wär's. Wo die Frauen doch auch bei uns die meiste Arbeit erledigen. In der Seelsorgeeinheit wie im Dekanat. Es gibt bei uns ja fast nur noch Ministrantinnen. Was wäre die Kirche ohne die Frauen? Eine Kardinälin wäre eine Wahnsinns-Aufwertung der Frauen in der katholischen Kirche. Das wäre der Hammer."

Könnte die auch Päpstin werden?

FRIEDL: "Eine Kardinälin wäre zwar wählbar, könnte aber nicht wirklich Päpstin werden. Schlicht weil der Papst auch der Bischof von Rom ist. Und leider dürfen Frauen keine Bischöfinnen werden. Aber ich will jetzt auch mal die guten Seiten der katholischen Kirche ansprechen. Sie hat Geld ohne Ende und spendet jedes Jahr viele, viele Millionen Euro für gute Zwecke und in arme Länder. Und die Menschen, die sich in der Kirche engagieren - was die tun, muss man wirklich mal anerkennen. Die Kirche ist ja auch Dienstleisterin - von der Wiege bis zur Bahre. Aber sie muss jetzt nach außen gehen, das ist unser christlicher Auftrag. Deshalb gibt es nun auch unser Projekt 'Kirche am Ort - Kirche an vielen Orten', bei dem wir über unseren Kirchturm hinausschauen."

Sie selbst sind ja auch gern mal an Orten, an denen man einen Dekan nicht erwartet. Als einer der Heiligen Drei Könige hatten sie bei der Verabschiedung des früheren Pfullinger Bürgermeisters einen schmissigen Auftritt mit zwei anderen Pfarrern. Und am Schmotziga Doschdig standen sie als Clown auf der Marktplatz-Bühne. Ist das Ihre Art, Kirche nach außen zu tragen?

FRIEDL: "Ja. Das ist mir ein Anliegen, weil man so etwas von einem Dekan nicht erwartet. Ich hatte auch beim Faschings-Gottesdienst eine rote Clownsnase auf. Ich bin vom Grundtypus her so. Ich bin halt so geboren. Aber zurück zur Kirche: Wir müssen rausgehen. An viele Orte! Wir haben tolle Lehrkräfte, die an den Schulen Pausenandachten halten. Die Kirche muss in Vereine und an Arbeitsplätze, zu den Menschen, die Christsein leben."

Christsein leben - das ist gerade an Ostern für viele sehr wichtig. Was bedeutet Ostern für Sie persönlich?

FRIEDL: "Ich erlebe in den letzten Wochen sehr viele Todesfälle in meinem Umfeld. Fast immer sind es die Mütter von Bekannten und Kollegen, die zurzeit sterben. Frauen, die ich auch gut gekannt habe. Und dann das Flugzeugunglück in Frankreich. Das alles geht mir sehr nah. Es passiert so viel Schreckliches auf der Welt. Wenn es Ostern nicht geben würde, dann würde ich manchmal durchdrehen. Ostern gibt mir die Hoffnung, dass das Schlimme nicht das Letzte ist, was passiert. Es gibt ein Leben nach dieser Zeit und Welt. Ostern bedeutet Hoffnung auf das totale Glück, auf Liebe und auf Angenommenwerden. All das schenkt es uns in Fülle. Ohne Ostern müsste ich verzweifeln. Es ist für mich der Halt im Leben."

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