Zeitsprünge. Immer wieder Zeitsprünge. Eben noch wachen wir mit der Erzählerin Franka auf wie aus einem tiefen Traum: Irgendwo am Strand einer Insel weit weg. Momente später finden wir uns wieder - Jahrzehnte zurück versetzt in Frankas Hamburger Kindheit. Ursa Kochs Roman spielt mit Zeitebenen, aber auch mit Bewusstseinsschichten. Er bewegt sich in den spannenden Übergangszonen zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit. Zwischen Verdrängtem und Erahntem, dunkel und hell, heiter und abgründig.

Die äußere Handlung? Franka fliegt nach Afrika, genauer gesagt auf eine entlegene Insel der Kapverden-Gruppe vor der afrikanischen Westküste. Ihre ältere Schwester Amelie lebt jetzt dort und hat eingeladen. Doch die mit ihrem Mann im Odenwald lebende Franka hat lange gezögert mit der Reise, denn ihr Verhältnis zu Amelie ist seit Kindestagen problematisch. Franka fühlte sich immer zurückgesetzt, nahm Amelie stets wahr als die bevorzugte, erfolgreichere Schwester.

Womit wir schon mitten drin sind in einer anderen, inneren Handlung. Die Reise in die Ferne wird so zur Reise in die eigene Vergangenheit. Räumlich betrachtet fliegt Franka weit weg, zeitlich gesehen beamt sie sich zurück zu sich selbst, in die eigene Familiengeschichte. Und ganz allmählich löst sich alles auf. Frankas Welt gerät ins Wanken. Liebgewonnene Vorurteile zerbröseln, Verdrängtes strebt ans Licht. Franka beginnt zu ahnen, dass ihr bisheriger Wertungshorizont nicht mehr stimmt. Die Wirklichkeit, bisher fein säuberlich von Franka in sympathisch und unsympathisch eingeteilt, erscheint langsam in einem ganz anderen Licht.

Ursa Kochs Buch erzählt so auch vom Verlust sicher geglaubter Positionen, von einem Erkenntnis-Prozess, von einer Öffnung - hin zu einem weniger fest umrissenen Weltbild, zu einem tieferen Verständnis anderer, neuer Sicht-, Denkweisen und Werdegänge. Das alles ist präzise, packend und lebendig beschrieben. Und ungeheuer sinnenfroh geschildert - prallvoll mit Farben, Gerüchen und Impressionen. Ganz nebenbei enthält der Roman auch Exkurse über Land und Leute, Tradition und Moderne auf den Kapverden sowie kritische Streiflichter über die unseligen "Segnungen" der "Zivilisation". Ja, dieses Buch - einer Autorin, die in Hohenstein auf der Schwäbischen Alb lebt, aber auch einen Teil des Jahres auf den Kapverden - dieses Buch erzählt von einer Heimreise in die Ferne, von einer Fernreise ins eigene Ich. Am Ende ist nichts mehr, wie es war. Weit weg von hier stößt Franka auf ein Geheimnis - und steht vor einem Neubeginn. Lesenswert!

Das Buch - Die Premiere - Weitere Lesungen in der Region

"Das Kapverdenhaus", Roman von Ursa Koch:

14,80 Euro, ISBN 978-3-944856-15-5,

e-book 9,99 Euro, ISBN 978-3-944856-10-0.

Buchpremiere: Mittwoch, 9. September, Reutlingen, Stadtbibliothek, 20 Uhr.

Lesungen in der Region:

· 1. Oktober: Pfullingen, Stadtbibliothek 20 Uhr;

· 8. November: Bad Urach Forum 22 & Buchhandlung am Markt, Matinee, 11 Uhr · 26. November: Ulm Stadtbibliothek, 19.30 Uhr.

SWP