Am 1. September 2014 jährt sich ihr Geburtstag zum 101. Mal: Sylva Carmen, genannt Carla Kurz wurde am 1. September 1913 geboren. Ihre biografischen Wurzeln lassen sich bis in unseren Raum zurückverfolgen, zu ihrem Urgroßvater, dem Schriftsteller Hermann Kurz, an den nicht zuletzt in seiner Geburtsstadt Reutlingen im Jubiläumsjahr 2013 ausgiebig erinnert worden ist. Und auf ihren Großvater Alfred, der wie sein Bruder Edgar und zeitweise seine Schwester Isolde seinen Wohnsitz in Italien genommen hatte, und gemeinsam mit ihnen die Grundlage für eine nachhaltige Präsenz der Familie Kurz in der Toskana, besonders in Forte dei Marmi, und für ebenso nachhaltige Beziehungen zwischen den Nachfahren und den Verwandten in Reutlingen gelegt hat, die bis heute gepflegt werden.

"Carla Kurz - anni 30" (30 Jahre alt) - so die nüchterne Aufschrift auf der Gedenktafel am Ossario in Sant'Anna di Stazzema, in deren Schatten Freiwillige wie Eberhard Frasch aus Reutlingen, Elisabeth Odinius aus Tübingen und Albrecht Esche aus Mössingen das Unkraut aus den Fugen zwischen den Steinplatten kratzen. Sie und weitere sechs Personen aus Ulm und vor allem Stuttgart unterstützen die "Associazione Martiri di Sant'Anna", den Opferverein von Sant'Anna, bei den Vor- und Nachbereitungen zum 70. Jahrestag des Massakers dort.

Was war dort geschehen? In den frühen Morgenstunden des 12. August 1944 zogen Soldatenkolonnen, überwiegend der Waffen-SS, aus den Tälern der Versilia hoch in das Bergdorf Sant'Anna. Schon unterwegs machten sie "Jagd auf alles, was sich bewegte", so ein Augenzeuge. Auf dem Kirchplatz trieben sie Frauen, Kinder und ältere Menschen zusammen, ermordeten sie mit Maschinengewehren und errichteten über deren Leichnamen einen gewaltigen Scheiterhaufen aus Kirchenbänken. Das jüngste Opfer war gerade 20 Tage alt. Etwa 560 Menschen wurden hier, in den Häusern oder auf freiem Feld erschossen - alle Opfer eines sinnlosen und völkerrechtswidrigen Verbrechens.

Unter ihnen auch Carla Kurz, die versucht hatte, sich mit ihrem Mann Ferdinando Barberi und ihren drei Kindern vor der näher rückenden Front zwischen Wehrmacht und vorrückenden alliierten Truppen in den Bergen in Sicherheit zu bringen.

Die Freiwilligen begegnen während einer Mittagspause in Sant'Anna dem Autor Marco Piccolino, der in seinem gerade auf Italienisch erschienenen Buch anhand von Augenzeugenberichten den Hergang des Massakers rekonstruiert hat. Eine erste Auswertung führt uns die Situation vor Augen: das Chaos, die Not der fliehenden Menschen und ihre Angst vor den unberechenbaren deutschen Besatzungstruppen. Und in Bezug auf Carla Kurz, die sich mit zwei weiteren Frauen auf die Suche nach Nahrung für ihre Familien begeben hatte, fasst er zusammen: "Schließen wir hier die Geschichte von Carla, Emma und Lilia ab mit dem Echo der (zuvor zitierten letzten) Worte von Emma , die - vielleicht wenige Momente bevor eine Maschinengewehrgarbe oder der Strahl eines Flammenwerfers ihr Leben auslöschte - sich das Schicksal ihrer Gefährtinnen so sehr zu Herzen nahm. Drei hartnäckige und großherzige Frauen, sie zogen wenige Stunden vor ihrer Ermordung mit großer Willensstärke ...]los, den Gefahren trotzend, die sich über ihnen zusammenzogen, bewegt von dem Willen, ihren Familien zu helfen, und sich Mut machend in ihrer Solidarität unter Frauen." (Original italienisch).

Sieben Tage arbeitet die Gruppe im Gelände des "Parco della pace", des "Friedensparks": Fugen putzen, Hecken schneiden, Gras mähen, Gestrüpp entfernen, aufräumen. "Wir wollten", erklärt Frasch, "mit diesen Arbeiten ein bescheidenes Zeichen an die Menschen von Sant'Anna geben, an die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer, und ihnen vermitteln, dass wir die Solidarität nicht nur in Worten, sondern auch durch unser Tun am Ort des furchtbaren Geschehens zeigen. Und das vor allem im Blick auf den 70. Jahrestag am 12. August dieses Jahres."

Je länger der Aufenthalt dauert, desto mehr bietet sich den Leuten der Initiative Gelegenheit zu Gesprächen und Kontakten mit den Menschen vor Ort, vor allem bei den Gedenkveranstaltungen. Besonders intensiv: Der Kontakt mit Enio Mancini und Enrico Pieri. Beide haben als Kinder das Massaker überlebt: Mancini zunächst gehetzt von den Soldaten, dann überraschend von einem in die Luft schießenden Deutschen davon gejagt. Er überreicht den Stuttgartern seine gerade auf Deutsch erschienenen Erinnerungen. Pieri war von einem Mädchen in ein Versteck gezogen worden, seine gesamte Großfamilie wurde mehr oder weniger vor seinen Augen niedergemacht.

Heute ist er Vorsitzender des Opfervereins. "Enrico Pieri ist", so Frasch, "eine imponierende Persönlichkeit: Engagiert und zugleich bescheiden. Wir haben in diesen Tagen intensiv zusammengearbeitet, Enrico fuhr mit seiner Ape, dem motorisierten Lastendreirad, täglich die 15 Kilometer hinauf, verteilte die Aufgaben, arbeitete wie selbstverständlich mit uns Deutschen. Nebenher bereitete er die Gedenkfeiern vor, gab Interviews, stellte sich den Fragen von Jugendlichen. Ein 81-Jähriger mit geradezu unerschöpflicher Energie."

Es war nicht die erste Begegnung mit ihm. Die Stuttgarter Initiative Sant'Anna hatte sich im Herbst 2012 zusammengefunden, nachdem die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Täter eingestellt hatte, um dagegen zu protestieren.

Es folgten vielfältige Aktivitäten, so wurde der Nebenkläger Pieri in Stuttgart von etwa 200 Menschen zur Generalstaatsanwaltschaft begleitet, um dort seine Beschwerde abzugeben. Nach deren Abweisung hatte kaum jemand noch Hoffnung auf eine juristische Aufarbeitung.

Doch nun vollzog sich während der Anwesenheit der Gruppe in Sant'Anna geradezu ein Wunder: Das Oberlandesgericht Karlsruhe hob am 5. August die Einstellungsverfügung von Oberstaatsanwalt Häußler auf. Zwar kann der Gerichtsbeschluss nur noch auf einen über 90-jährigen Beschuldigten in Hamburg angewandt werden. "Aber", so Frasch, "inhaltlich war er eine Genugtuung für uns alle. Das Gericht hat die absurden Entlastungskonstruktionen Häußlers als vollkommen unhaltbar zurückgewiesen - zwölf Jahre nach dem Beginn der Ermittlungen."

Enrico Pieri betont erneut, es gehe ihm nicht um Rache, vielmehr um das friedliche Zusammenleben der Völker in Europa. Und fährt fort: "Ich hoffe, dass durch den Karlsruher Beschluss die Gerechtigkeit endlich zum Zuge kommt."

Angesichts der sensationellen Meldung geht eine andere Nachricht fast unter: Die "AnStifter-Initiative" hat vor einigen Monaten beim Deutsch-italienischen Zukunftsfonds einen Antrag gestellt, die Renovierung der kleinen Kapelle auf der Piazza Anna Pardini (benannt nach dem jüngsten Massakeropfer) mit rund 55 000 Euro zu bezuschussen. Auf der Gedenkfeier überbrachte nun der deutsche Generalkonsul Peter Dettmar die Nachricht, die Mittel seien bewilligt - unter großem Beifall der Zuhörenden. Für die Initiative und den Opferverein ist die Kapellenrestaurierung Ausdruck der besonders durch die Friedenspreisverleihung an Pieri und Mancini 2013 in Stuttgart gewachsenen Freundschaft und ein Zeichen der Versöhnung.

Bei den Teilnehmern der Arbeitsreise bleiben starke Eindrücke zurück: "Für mich war es die Reise meines Lebens" und "die Erfahrungen in Sant'Anna möchte ich nicht mehr missen". Frasch blickt zurück auf den 12. August: "Nach den offiziellen Feierlichkeiten gehen wir von Kirchplatz und Kapelle hinüber zu einer Wiese unterhalb von Enrico Pieris Elternhaus, wohin er uns zum Essen eingeladen hat. Die hiesigen Freundinnen und Freunde, die wir von der Stuttgarter Friedensgala vom letzten Jahr her kennen, freuen sich sehr über das Wiedersehen. Gabriele Heineke, Enricos Anwältin, strahlt, ebenso Christiane Kohl, die couragierte Journalistin, die den Fall ins Rollen gebracht hatte, Marco de Paolis, der engagierte Militärstaatsanwalt, lächelt zurück. Auch Enrico, der eben noch in seiner Ansprache oben am Ossario, von dem traurigen Tag ..., den ich noch immer in mir trage' gesprochen hat, findet zurück zum entspannten Gespräch - bei Pasta, Tomaten, Oliven, Wein. Beim Abschied lädt er mich ein - zur Olivenernte im November. . ."

Über den Autor

Eberhard Frasch, Jahrgang 1945, wohnt in Reutlingen. Der Historiker war bis zu seiner Pensionierung Studiendirektor am Tübinger Carlo-Schmid-Gymnasium.

SWP