Reutlingen Eine Entdeckung

Christian J. Bonath dirigiert die moderne Erstaufnahme eines Barock-Oratoriums.
Christian J. Bonath dirigiert die moderne Erstaufnahme eines Barock-Oratoriums. © Foto: BURKHARDT_O
Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 07.05.2015
Das gibt's nicht alle Tage - eine "Weltersteinspielung" in Reutlingen: Am Sonntag, 17. Mai, nimmt Christian Bonath in der Christuskirche Johann Matthesons lange vergessenes Barock- Oratorium "Chera" auf.

"Der vollkommene Capellmeister", "Der brauchbare Virtuoso" und "Der Vernünfftler" - so heißen seine Schriften: Der Hamburger Domorganist Johann Mattheson, 1764 verstorben, war seinerzeit ein gefragter - und höchst streitbarer - Musikschriftsteller. Seine spitze, "stachelichte Feder" war bei Zeitgenossen regelrecht gefürchtet. Viele seiner Kompositionen jedoch gerieten, im überlebensgroßen Schatten von Bach und Händel, jahrhundertelang in Vergessenheit.

So etwa seine Oper "Boris Goudenow oder Der durch Verschlagenheit erlangte Thron" - dieses 1710 entstandene Bühnenwerk über die später auch von Mussorgsky vertonten Wirren im russischen Zarenreich wurde fast 300 Jahre lang nicht aufgeführt, glaubt man den Experten. Erst 2005 erklang die verschollene Oper wieder, konzertant in Hamburg, szenisch in Boston.

Auch der Reutlinger Dirigent und capella-vocalis-Chef Christian J. Bonath, der immer auch in Mainz, Worms und Besigheim musikalisch unterwegs ist, gehört zu den einschlägigen Wiederentdeckern in Sachen Johann Mattheson.

Der 36-jährige Bonath hat einen Großteil von Matthesons Oratorien gesichtet - Werke, die, zu Unrecht vernachlässigt, einst in der Hamburger Staatsbibliothek schlummerten, im Zweiten Weltkrieg dann als Beute verlagert und teils erst 1998 aus der armenischen Hauptstadt Jerewan zurückgegeben wurden.

Mindestens drei dieser Oratorien hat Bonath bis 2014 als Erstaufführung präsentiert - jeweils mit seinen Formationen Pulchra Musica und Ensemble Paulinum.

Zuletzt brachte Bonath im August 2014 Matthesons lange vergessenes Oratorium "Chera" (1716 komponiert) in Worms zur modernen Erstaufführung. Eben dieses Werk wird Bonath jetzt erstmals live aufnehmen - und zwar am 17. Mai, 19 Uhr, in der Reutlinger Christuskirche für den SWR 2.

Auch diese so genannte "Welt-Ersteinspielung" basiert auf der editorischen Arbeit des Musikwissenschaftlers Steffen Voss. Das Oratorium erzählt die Geschichte der Witwe Chera, die den Tod ihres Sohnes Nacerius beklagt. Dieser wird schließlich durch Jesu Berührung des Sarges von den Toten wiedererweckt. Die Gesangspartien, so schreibt Bonath, seien "anspruchsvoll". Sie wurden seinerzeit für die Sänger der weithin berühmten Hamburger Gänsemarktoper geschrieben. Den Mittelpunkt des Werks bildet die Trauerarie der Witwe Chera "Netzt die Augen".

Der Chor umfasst bei dieser historisch informierten Aufnahme neun Sänger(innen). Als Solisten wirken mit: Susan Eitrich, Florian Hartmann und Jonas Boy. Die Chorpartien bieten, wie Bonath betont, "zahlreiche packende Elemente". Nach einer koloraturenreichen Alleluja-Motette ist der Chor in der Rolle der Leichenträger gefordert.

Einige Turba-Einwürfe folgen, um die Totenerweckung staunend kommentieren: "Was ist das für ein Mann, der durch ein bloßes Wort den Tod bezwingen kann?" Im Wechsel von Solo und Chor entsteht laut Bonath ein "mitreißendes Meisterwerk". Es musiziert das Wormser Ensemble Paulinum sowie die Formation Pulchra Musica.

Die Gesamtleitung hat Christian J. Bonath. Der Chef des Reutlinger Knabenchors capella vocalis unterstreicht mit dieser Ersteinspielung einmal mehr seinen Ruf als Entdecker und Dirigent lange unbekannter barocker Musikschätze von Telemann, Graupner, Heinichen, Stölzel und - Johann Mattheson.

Welterstaufnahme in der Reutlinger Christuskirche - Karten

Oratorium "Chera" (1716) von Johann Mattheson: Die öffentliche Aufführung mit Erstaufnahme für den SWR 2 findet am Sonntag, 17. Mai, 19 Uhr, in der Christuskirche Reutlingen unter Christian J. Bonath statt.

Tickets gibt's im Büro capella vocalis Telefon: (0 71 21) 47 83 45 und beim Konzertbüro Reutlingen.

SWP

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