Am Ende war der Profi fast ein bisschen platt. „Auf manche der Ideen, die die Bürger hatten, wären wir nie gekommen“, musste Philipp König vom Büro Reschl zugeben. Er und seine Kollegen, allesamt Stadtentwicklungsexperten aus Stuttgart, waren in den vergangenen Monaten oft in Pfullingen und hatten schon bemerkt, wie engagiert die Leute hier zugange waren.

Was aber die Einwohner in zwei Zukunftswerkstätten und bei einer beinahe dreimonatigen Online-Beteiligung an Einfällen in die Diskussion eingebracht haben, das gehe schon sehr in die Tiefe, erklärte König am Montagabend, als die Fokus-Gruppen die Ergebnisse ihrer Arbeit in der Mensa der Wilhelm-Hauff-Realschule präsentierten.

Bis Ostern soll Konzept stehen

Eine Vielzahl an Ideen, Chancen und Optionen, um Pfullingen lebenswert und zukunftsfähig zu machen, ist bei dem Bürgerbeteiligungs-Prozess herausgearbeitet worden. Jetzt liegt es in den Händen des Büros Reschl, das die Kommune auf ihrem Weg zum Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) begleitet, aus all diesem ein Handlungsprogramm zu machen. Bis Ostern soll das Konzept stehen. „Ein ambitionierter Zeitplan“, befand Bürgermeister Michael Schrenk, der das ISEK später zusammen mit dem Gemeinderat in Einklang mit dem städtischen Haushalt bringen darf und muss.

Sechs Bürgergruppen haben sich in den vergangenen Monaten der verschiedensten Themenfelder angenommen. Wobei die Inklusions-Gruppe erst am 19. Oktober tagen wird und die Jugend, die bei der ISEK-Beteiligung unterrepräsentiert war, extra zur Debatte aufgefordert wurde. „Bei der Diskussion ging’s sehr gegenständlich zu“, so Lena Müller vom Büro Reschl. „Die Barrierefreiheit und, dass es in Pfullingen zu wenig Bekleidungsgeschäfte gibt“, umriss sie die Themen, die der Jugend am Herzen liegen. „Das Vereinsangebot wurde sehr positiv bewertet, auf den Breitbandausbau und die Aufenthaltsqualität in der Stadt sollte man aber achten“, nannte Müller weitere Schwerpunkte der Diskussion.

ISEK ist nur eine Einstiegsdroge

Und wie schaut’s bei den Erwachsenen aus? Für sie sprach erst einmal Eberhard Wurst, der die Ergebnisse zweier Fokus-Gruppen zusammenfasste. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: „Das ISEK ist nur eine Einstiegsdroge, ein Baustein. Wir wünschen uns eine verstetigte Bürgerbeteiligung“, so Wurst, der für dieses Ansinnen in der beinahe voll besetzten Realschul-Mensa spontan Applaus bekam. Dass die Bürger mehr mit einbezogen werden sollen und die Beteiligung künftig weitergehen muss, war an dem Abend immer wieder auch von den anderen Gruppen-Sprechern zu hören.

Wurst und seine Mitstreiter hatten sich schwerpunktmäßig mit der Raumstruktur, dem Städtebau und der Siedlungsentwicklung befasst. „Wir wünschen uns einen städtebaulichen Masterplan, wir brauchen einen roten Faden“, forderte der Pfullinger Architekt. Er und seine Gruppe sprechen sich für mehr interkommunale Zusammenarbeit vor allem in Richtung Reutlingen und Eningen aus, sie glauben, „dass man mehr aus dem Echazpfad machen kann“,  setzen sich für bessere Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum ein und befanden, dass die alte B 312 vor allem im Bereich der Marktstraße umgestaltet werden sollte. „Wir müssen aber auch unseren wertvollen Gebäudebestand wie das Schloss, die Klosterkirche und die Pfullinger Hallen wieder mehr ins Blickfeld rücken“, erklärte Wurst.

Wie wichtig das Kulturhaus Klosterkirche vielen Bürgern ist, wurde bei der Ergebnis-Präsentation mehr als einmal deutlich. Auch Margrit Vollmer-Herrmann von der Fokus-Gruppe Soziales/Infrastruktur/Kultur sprach das einstige Klarissenkloster an, das „jetzt auch ein Projekt der Verwaltung werden muss“ – was durch einen Grundsatzbeschluss des Gemeinderates untermauert werden sollte.  Die ehemalige Stadträtin drängte aber auch auf mehr Unterstützung für Ehrenamtliche. Brachflächen wie das Prettl-Gelände am Südbahnhof zu beleben und die Aktivierung der leerstehenden Läden hat indes die Gruppe Wirtschaft/Handwerk/Handel im Blick. Die Mobilitäts-Gruppe glaubt, dass es einen Masterplan braucht, der den Autoverkehr, den ÖPNV mit Stadtbahn, Fahrradfahrer und Fußgänger gleichermaßen berücksichtigt.

Doch nicht nur in den Zukunftswerkstätten wurde emsigst gearbeitet, auch online gingen insgesamt 62 Bürger-Beiträge ein. „Vor allem in Sachen Mobilität gab es da konkrete Verbesserungsvorschläge“, erläuterte Adrian Schwake vom Büro Reschl. Was indes die Siedlungsentwicklung angeht, so wünscht sich die Mehrheit der ISEK-beteiligten Pfullinger ein moderates Wachstum. Wie das Büro Reschl nun all die Anregungen verarbeitet – darauf darf man, auch mit Blick auf die Finanzierbarkeit – gespannt sein.

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