Geschichte Eine aufrechte, originelle Frau

Susanne Hubberten lebte von 1922 bis 1990.
Susanne Hubberten lebte von 1922 bis 1990. © Foto: Privat
Reutlingen / Von Ursula Göggelmann 15.01.2018

Bei der heutigen Lebenserwartung von Frauen könnte Susanne Hubberten noch als weise 95-jährige unter uns leben. Aber leider ist sie viel zu früh – mit 68 Jahren – verstorben. Hätte sie länger gelebt, wäre sicher für die Frauen in Reutlingen manches anders gekommen. Die von ihr 1984 gegründete Freie Frauenliste wäre nicht 2006 leise eingeschlafen. Reutlingen hätte sicher nicht bis heute, bis es durch Landesgesetz dekretiert wurde, auf eine Frauenbeauftragte warten müssen. Eine solche energische und erfahrene Kämpferin für die Rechte von Frauen und Kindern, den Schwächsten in unserer Gesellschaft hat in Reutlingen seit ihrem Tod gefehlt.

Hubberten wurde am 7. April 1922 in eine wohlhabende Textilunternehmerfamilie in Reutlingen hinein geboren. Die elterliche Firma Büsing und Co. produzierte hauptsächlich Bademoden und stattete auch die deutsche Olympia-Mannschaft aus. Diese Herkunft trug ihr nicht nur den Spitznamen „Porolastic-Suse“ ein, sondern prägte sie auch. Sie wuchs zusammen mit drei Brüdern als „höhere Tochter“ in einer großzügigen Villa mit großem Garten auf. Sie besuchte die höhere Schule, das heutige Isolde-Kurz-Gymnasium. Aufmüpfig war sie schon als Kind und Jugendliche. Das setzte sich fort, als sie gegen den Willen der Familie den jungen Leutnant Hans Günter Hubberten heiratete, den sie im Lazarett, wo sie als Hilfs-Krankenschwester Dienst tat, kennen gelernt hatte. Kurz darauf wurden zwei Söhne und eine Tochter geboren. Die junge Familie lebte in der elterlichen Villa in der Sommerhalde.

Doch Susanne Hubberten genügte das Dasein als Hausfrau und Mutter nicht. 1950 eröffnete sie ein Unternehmen „Mode für Baby und Kleinkind“. Später gründete sie „Susannes Kinderhaus“. 1960 trat sie in die FDP ein, in der ihr Mann schon Mitglied war.  1975 wurde sie für diese Partei in den Stadtrat gewählt. Über Parteigrenzen hinweg gab es zwischen den Frauen im Gemeinderat eine gewisse Solidarität. Mit einem Schild „Frauen aller Fraktionen, vereinigt euch“, zogen Stadträtinnen aus CDU, SPD und FDP beim Umzug zum Stadtfest mit. Als FDP-Rätin im Gemeinderat votierte sie vehement, wenn es um Fragen ging, die Frauen und Kinder betrafen, also: Kindergartengebühren und -öffnungszeiten, Jugendhäuser, Verkehrsberuhigung in der Oststadt, die sie als Eldorado für Spaziergänger und rollerfahrende Kinder bezeichnete. Ihre Voten wichen öfter von der Linie ihrer Fraktion ab. Das führte dazu, dass sie 1984 aus der FDP austrat. Einerseits gefiel ihr der Rechtsruck der Partei nach dem Ausscheiden aus der sozialliberalen Koalition auf Bundesebene nicht, andererseits fühlte sie sich wegen ihres eigenwilligen Verhaltens auf der kommunalen Ebene als Frau bei der Vergabe von Listenplätzen bei der anstehenden Gemeinderatswahl benachteiligt. Doch sie wollte unbedingt weiter Verantwortung übernehmen und die recht kleine Riege der Frauen im Gemeinderat stärken. Was tun? Einfallsreich, wie sie war, setzte sie einen Aufruf zur Gründung einer „Freien Frauenliste“ in die Zeitung.

Und siehe da: Der Erfolg war überwältigend: Es fanden sich genügend Frauen für eine komplette Kandidatinnenliste für den Gemeinderat. Susanne Hubberten und Prof. Dr. Angelika Wagner zogen 1984 in den Gemeinderat ein und mischten das Reutlinger Stadt-Parlament gehörig auf. Unter einer Vielzahl von Anträgen schon im ersten Jahr der Zugehörigkeit ragte der auf Einstellung einer Frauenbeauftragten besonders hervor. Zwar scheiterte die FFL mit den meisten Anträgen an der Mehrheit. Doch Hubberten gab nicht so leicht auf. 1989 wurde sie wiedergewählt. Doch sie konnte ihr Mandat wegen ihrer schweren Krankheit nicht mehr ausüben und gab es an Armgard Dohmel weiter.

Hubbertens Bemühen, „unsere Stadt noch etwas menschlicher zu machen“, hat sich in weiteren Aktivitäten ausgedrückt: 1973, nachdem sie in der Zeitschrift „Brigitte“ von Tagesmüttern in Schweden gelesen hatte, hat sie spontan den „Tagesmütterverein Reutlingen“ gegründet und als Bundesmodell installiert. Der Verein, der von anfänglich 27 betreuten Kindern auf heute 1264 Betreuungsverhältnisse im Kreis Reutlingen angewachsen ist, ist ein bleibendes Vermächtnis. „Dass hier in Reutlingen aus einem Samenkorn, das ich in die Erde gelegt habe, ein Früchte tragender Baum geworden ist“, das könnte als Motto über ihrem Leben stehen. Ihr Wirken wurde 1988 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2000 mit einem Stein im Gedenk­labyrinth der 2000 Frauen gewürdigt.

Obwohl sie noch so viel vorgehabt hätte: eine Gruppe der Grauen Panther in Reutlingen gründen, ihre Freie Frauenliste fest im Gemeinderat verankern, den Reutlinger Weibermarkt zu einer dauerhaften Frauen-Aktivität machen, hat die Krebserkrankung alle ihre Pläne durchkreuzt. Am 13. Juni 1990 ist Susanne Hubberten verstorben. „Vielen wird sie fehlen in ihrer Stadt und darüber hinaus, diese aufrechte und originelle Frau“, sagte Pfarrerin Ursula Göggelmann in ihrer Trauerrede. 

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