Reutlingen Ein Zeichen gegen Rassismus setzen

Prof. Dr. Ahmed A. Karim referierte bei einer Vortragsreihe der Internationalen Islamischen Gemeinschaft.
Prof. Dr. Ahmed A. Karim referierte bei einer Vortragsreihe der Internationalen Islamischen Gemeinschaft. © Foto: Spieß
Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 30.03.2015
Fördert der Islam Gewalt? Innerhalb der Internationalen Wochen gegen Rassismus lud die Internationale Islamische Gemeinschaft zu Vorträgen mit den Experten Prof. Urs Baumann und Prof. Ahmed Karim.

Weshalb schließen sich Leute rechtspopulistischen Bewegungen wie Pegida an, die terroristische Anschläge für ihre Zwecke instrumentalisieren? Warum schauen die meisten betreten weg, wenn Gewalt und Rassismus in der Öffentlichkeit ausgeübt, Minderheiten angegriffen oder bedroht werden?

Solche Phänomene wollen die Internationalen Wochen gegen Rassismus vom 16. bis 29. März hinterfragen und ihnen entgegentreten. Gemeinsam mit mehr als 70 Einrichtungen und Organisationen forderte der Interkulturelle Rat in Deutschland in zwei Aktionswochen dazu auf, ein Zeichen gegen Rassismus und Gewalt zu setzen. Über 1300 Veranstaltungen in über 300 Städten und Gemeinden veranstaltete der Interkulturelle Rat zum Thema "Rassismus" bundesweit, eine davon zum zweiten Mal nach 2014 in den Räumen der Internationalen Islamischen Gemeinschaft.

Bevor die beiden Referenten das Wort ergriffen, erläuterte Gemeindevorstand Mustafa Sary seinen Standpunkt: "Die Verschiedenheit der Religionen ist von Gott gewollt, es liegt in unseren Händen, wie wir mit dieser Vielfalt umgehen", sagte er in seiner Begrüßungsrede und ergänzte: Mit ihrer Beteiligung an den Aktionswochen wolle die 2001 in Reutlingen gegründete Islamische Gemeinschaft ein Zeichen gegen jede Art von Rassismus und Menschenfeindlichkeit setzen.

Sultan Braun, Integrationsbeauftragte der Stadt Reutlingen, wies in ihrem Grußwort ebenfalls auf die Notwendigkeit hin, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinander zu setzen und über den Tellerrand zu schauen. Es sei wichtig, sich bewusst zu machen, dass nicht nur Deutsche, sondern auch die meisten Muslime Terror im Namen des Islam strikt ablehnten.

Im Anschluss stellte sich Prof. Dr Ahmed A. Karim von der Tübinger Universitätsklinik für Psychotherapie die Frage, ob und in welcher Form der Islam Gewalt fördert, und zählte Argumente dafür und dagegen auf. Es gäbe in der Tat Verse im Koran, die zur Gewalt aufriefen, allerdings seien die überwiegend aus dem Kontext gerissen und hätten mit anderen Religionen nichts zu tun. Er machte das an dem wohl am häufigsten kritisierten Auszug aus dem Koran fest, der besagt: "Tötet die Ungläubigen, wo ihr sie findet". Beim genauen Studieren des Textes stelle man fest, dass sich diese Aussage keineswegs auf Juden, Christen oder andere Religionen beziehe: "Islamische Terroristen interpretieren die Verse nur in ihrem Sinn und instrumentalisieren sie für ihre Zwecke", lautete sein Statement.

Der Islamwissenschaftler referierte über kausale Denkfehler ("Migranten sind gewalttätig, weil sie Migranten sind") und versuchte anhand von Beispielen, Gründe für die zunehmende Gewaltproblematik (nicht nur) in der islamischen Gesellschaft aufzuzeigen. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass unabhängig von der Religionszugehörigkeit psychische Störungen, Frustrations- und Ablehnungserfahrungen, mangelnde Bildung und Gewalterfahrungen in der Kindheit zu Gewalt führten. Auf den Einwand einer Zuhörerin bei der anschließenden Diskussion, der Islam habe derzeit aber ein besonderes Gewaltproblem, antwortete Karim: "In jeder Religion gab und gibt es Terroristen, die Religion missbrauchen", räumte aber ein, dass das Fehlen demokratischer Strukturen und besondere Frustrationserfahrungen in der arabischen Gesellschaft die Tendenz zu mehr Gewalt zweifellos förderten.

Abschließend sprach Prof. Dr. Urs Baumann vom Tübinger Institut für ökumenische und interreligiöse Forschung zum gleichen Thema. Am Ende hatten die zahlreichen Gäste die Gelegenheit, sich bei einem arabischen Imbiss untereinander auszutauschen.

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