Wenn Trompete spielen olympische Disziplin wäre, hätte Australien die Goldmedaille ziemlich sicher. James Morrison ist so etwas wie der Vorzeige-Athlet seines Kontinents in Sachen Jazz. Unschlagbar, wenn es Wettbewerbe gäbe mit Vielseitigkeits-Prüfungen und Sonderpunkten für technische Höchstleistungen. Ein Alleskönner, der auch abgebrühte Wertungsrichter ins Schwärmen bringen könnte.

Zumal der Trompeter, Flügelhornist, Saxofonist, Posaunist und Pianist tatsächlich schon bei Olympia Lorbeeren einheimste: Im Jahr 2000 spielte Morrison die Fanfare bei der Eröffnungsfeier in Sydney. Genau der Richtige also für ein Gipfeltreffen mit dem ebenfalls olympiareifen Orchester der Württembergischen Philharmonie. Zum Glück weiß der 53-Jährige, dass Jazz nicht vergleichbar ist mit einer Übung am Reck und eine Aneinanderreihung von schwierigen Elementen nicht mit guter Musik verwechselt werden darf.

In der annähernd ausverkauften Stadthalle bietet er reichlich hohe Kunst und verblüfft auch mal, indem er zwei Instrumente (Klavier und Trompete) gleichzeitig spielt - doch Morrison übt nicht fürs Schaulaufen bei Olympia, sondern präsentiert sich als souveräner Mittler zwischen begleitendem Jazzquartett und klassischem Orchester. Gleichzeitig gibt er sich als humorvoller Moderator und virtuoser Multi-Instrumentalist. Morrison beherrscht neben der Trompete die Instrumente Flügelhorn, Mini-Saxofon, Posaune, Klavier und Euphonium, und er bringt sie an diesem Abend alle zum Einsatz.

Mal interpretiert er die wunderschöne Ballade "Mood Indigo" von Duke Ellington mit gefühlvoller Trompeten-Phrasierung. Um gleich beim nächsten Stück zur Posaune und zum Saxofon zu greifen und voll Inbrunst und Präsenz Count Basies "Lil' Darlin'" und das spanisch angehauchte "El Gato" von Cat Anderson zum Besten zu geben. Am anderen Ende des Spektrums steht Joe Zawinuls "Birdland", das den Ende der 60er Jahre aufkeimenden Jazzrock wieder aufleben lässt.

Das Konzert beginnt mit einer eindrucksvollen Demonstration: Morrison erweist sich als Meister der schwebenden Reduktion, lässt seine Trompete in Spencer Williams' "Basin Street Blues" mal flächig, mal wolkig klingen. Es mündet in eine niveauvolle Jamsession, bei der sich Stücke wie Ray Hendersons "The birth of the Blues" oder Benny Goodmans "Seven Come Eleven" in verschiedenste Richtungen entwickeln und endet bei Kompositionen, die bekannte Jazzklassiker von Duke Ellington, Herbie Hancock, Thelonious Monk und Dizzie Gillespie umfassen.

Morrison beeindruckt mit einer traumhaft hoch entwickelten Spieltechnik, die sich nie im selbstgefällig Virtuosen verliert und weit über das gemeinhin verständliche Swing-Idiom hinausgeht.

Der Australier, der bereits mit 13 Jahren in Jazzclubs auftrat und mit 16 beim Monterey Jazz Festival debütierte, versucht schon seit Jahren, den großorchestralen Jazz in eine unverbrauchte und durchaus eigensinnige Richtung zu bewegen. Die Württembergische Philharmonie unter der Leitung von Leo Siberski, ohnehin bekannt für ihre prinzipielle stilistische Offenheit, folgt ihm dabei mustergültig.

Selbstverständlich wissen auch seine Mitstreiter an Gitarre, Bass, Klavier und Schlagzeug, dass sie sich anstrengen müssen, um mitzuhalten. Nicht nur, wenn Morrison bei "Don't get around much anymore" einfach mal mit einem längeren Posaunensolo beginnt und erwartet, dass die Kollegen und das Orchester einsetzen, sobald "das Herz des Dirigenten das Kommando gibt".

Diese zwei Stunden inklusive zweier Zugaben beweisen eindrucksvoll, dass Jazz sich in Reutlingen auch im großen Rahmen erfolgreich veranstalten lässt. Sorgfältig ausgewählt, stimmungsvoll präsentiert und kompetent aufbereitet, hat er durch Spontaneität und Unmittelbarkeit sogar zum Teil mehr Erlebniswert als manches etablierte Kulturgut zu bieten. Hauptsache ist, dass der Rahmen stimmt und Vorzeige-Jazzathleten wie James Morrison am Werk sind.