Pfullingen Ein Vierteljahrhundert Thomaskirche

Martin Tuttaß tritt nach 25 Jahren an der Pfullinger Thomaskirche in den Ruhestand.
Martin Tuttaß tritt nach 25 Jahren an der Pfullinger Thomaskirche in den Ruhestand. © Foto: Jürgen Herdin
Pfullingen / Jürgen Herdin 20.07.2018

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den Herrn zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt.“ Diesen Monatsspruch zum Juli aus Hosea 10, Vers 12, nahm der nun scheidende evangelische Pfarrer Martin Tuttaß zum Anlass, um Grundsätzliches und Bedrückendes in der Gesellschaft anzusprechen. „Die Kirche muss ihre Stimme erheben für die Schwachen“, so seine Überzeugung – „und sie ist damit automatisch politisch.“

Die Kirche müsse sich, so die Überzeugung des 64-Jährigen,  immer auch gesellschaftspolitisch engagieren, vor allem, wenn es um die soziale Gerechtigkeit und den Schutz von Armen und Schwachen gehen. Das sieht der katholische Papst nicht anders als zum Beispiel die Evangelische Landeskirche – oder der Pfarrer der Thomaskirche im Pfullinger Süden. „Wir haben uns stets als Teil der großen, weiten Welt begriffen und müssen natürlich auch unsere Stimme erheben“.

Tuttaß, der am Sonntag von der Gesamtkirchengemeinde in den Ruhestand verabschiedet wird, weiß, wovon er spricht, wenn es um arme und anderweitig benachteiligte Menschen geht: Nach seinem Examen 1982 in Tübingen führte ihn der Weg für sieben Monate nach Kamerun zu einer noch ganz jungen Presbyterianer-Kirche der Basler Mission.

„Gott und Gerechtigkeit muss man zusammendenken, in einem Atemzug nennen. So sagen es schon die Propheten“, weiß  Tuttaß, der im aktuellen Gemeindebrief auch den evangelischen Bischof Frank Otfried July lobt. Auf der Märzsynode hatte July die steigenden Rüstungsexporte ebenso kritisiert, wie die Militär- und Waffentechnikmesse auf den Fildern. „Gut so“, sagt July über diesen Protest. Und weil  gerade er es als Geistlicher mit vielen alten, pflegebedürftigen Menschen zu tun hat, weiß er auch „von der sozialen Schieflage in der Pflege“.

Für Tuttaß als Seelsorger ist „die Begegnung mit einzelnen Menschen besonders wichtig“. Der Dialog „face to face“, also unter vier Augen, „ist mir ein wichtiges Anliegen“. Und der Mann, der seit 25 Jahren die Geschicke in der Thomaskirche –  zeitweilig war es ja eine eigene Kirchengemeinde – lenkt, fügt hinzu, dass es für ihn stets eine große Freude war, „wenn ich mit einem Gespräch dazu beitragen konnte, dass ein Mensch ein wenig zuversichtlicher, heiterer und kraftvoller seinen weiteren Weg gehen konnte“.

Eine besondere Verbindung hatte Tuttaß, der von 1993 bis 2006 Jugendpfarrer war, zum CVJM, der in Pfullingen bekanntlich ja besonders regsam und aktiv ist. „Wir erarbeiteten gemeinsam die Konfirmanden-Ordnung“, erinnert sich Tuttaß, der im August 1993 seine Arbeit in der Thomaskirche aufnahm. Damals war das Gotteshaus gerade einmal zwei Jahre jung.

Tuttaß wurde 1954 in Berlin geboren und wuchs in Kiel auf. Theologie studierte er in Erlangen und Tübingen. Nach seinem Examen nahm er das Stipendiat für Afrika an, sein Vikariat absolvierte er in Fellbach. Von 1985 bis 1987 war er „Pfarrverweser“ im Gäu, in Gärtringen. Dieser so unappetitlich anmutende Begriff wurde später in „Pfarrer in Anstellung“ abgeändert. Seine erste Stelle trat er auch im Gäu an – und 1993 ging es nach Pfullingen.

Anders als zeitweilig üblich wurde er nicht nach zehn oder zwölf Jahren woanders hin versetzt. „Hier war’s gut, hier ist’s gut, wir haben ein gutes Pfarrerteam.“ So kann es – und so soll es bleiben, befand auch der damalige Dekan, Dr. Jürgen Mohr. Und so wurden es für Tuttaß und seine Frau Eva stolze 25 Jahre Thomaskirche. Auch in der Hospizgruppe und in der Notfallseelsorge war Tuttaß aktiv.

Freilich hat Tuttaß, der sagt, „Ich war nie ein Einzelkämpfer“, eine lange Liste mit Menschen, mit denen er in besonderer Weise verbunden war – und ist. Außerordentlich wichtig für ihn zu nennen sind aber „in dieser so einladenden Gemeinde“ Monika Altenhof-Flohr, die das Sekretariat managt, Barbara Seichter, die Vorsitzende des Gemeinde-Ausschusses der Thomaskirche,  das Mesnerehepaar Karin und Gerd van Severin – und die insgesamt 21 Leute im Kirchengemeinderat, die er in diesen 25 Jahren kennengelernt hat.

Nun geht der Mann, dessen großes Hobby die Musik ist, in den Ruhestand. Zeit für den Abschied und viele Gespräche ist am Sonntag in der Thomaskirche ab 10 Uhr.

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