Reutlingen Ein Projekt hebt ab in den Himmel

Von Jürgen Herdin 08.10.2018

Es ist zum in die Luft gehen mit diesen Studierenden: „Dürfen wir bitte auch am Wochenende arbeiten?“ Darum hatten sie ihren Professor und Studiengangs-Leiter Jochen Brune gebeten. Was die jungen Forscher und Wissenschaftler derart begeisterte, war das Projekt Flugzeugbau. Am Samstag wurde das zweisitzige Modell „RV 12“  des US-amerikanischen Herstellers Vans Aircraft vor  großem Publikum „Ingenious Performance“ getauft – und hob ab in den Himmel über Poltringen.

Insgesamt 160 Studierende an der Reutlinger Hochschule hatten in zwölf Gruppen und in zwölf Semestern das Kleinflugzeug aus 36 000 Einzelteilen zusammengebaut. Das ist weltweit einzigartig – ebenso, dass der Frauenanteil beim Projekt „IP-Plane“  30 Prozent beträgt. Und die angehenden Wirtschafts-Ingenieure des Studiengangs „International Project Engineering“ wurden dabei selbstverständlich vom sehr gestrengen Luftfahrtbundesamt in Braunschweig überwacht.

Nach und nach wurden die Teile für die Maschine in den USA beim Hersteller der „RV-12“ gekauft und dann ging’s an die Arbeit. Insgesamt wurden  20 000 Stunden in 2650 Arbeitsschritten aufgewendet, der Erstflug war Ende März.

Nun soll der Flieger verkauft werden, um den Nachfolger finanzieren zu können, ein moderner Doppeldecker in Holzbauweise soll es werden.

Am Samstag stand das „IP-Plane“ zunächst verhüllt  in grauem Stoff im Hangar des Poltringer Flugplatzes. Passgenau genäht hatte diese Hülle  die Reutlinger Fakultät für Textil und Design. Und die Cheerleader-Girls, die die Fliegertaufe zu einem fetzigen Event machten? Das waren Studentinnen der ESB Business School, natürlich auch aus Reutlingen.

Enthüllt wurde dann – stilecht mit Champagnertaufe – ein blauer Zweisitzer mit 100 PS, die den Vogel bis auf 223 Stundenkilometer bringen können. Selbst wenn er voll „geheizt“ wird, braucht der Rotax 912S-Motor nur 17 Liter Benzin pro Stunde, was etwa acht Litern bei 100 Stundenkilometern entspricht. Die Flügelspannweite des 340 Kilogramm leichten Flugzeugs beträgt acht Meter.

Das Gelernte in der Realität anwenden: Für ihren Fleiß, das Engagement, ihre Begeisterung  und ihre Ausdauer lobte Reutlingens Hochschul-Präsident Hendrik Brumme die Studierenden, von denen zahlreiche längst im Job sind.  Schließlich begann das Projekt Flugzeugbau bereits 2012. Viel Anerkennung sprach den Ingenieuren in spe auch der Projektleiter Prof. Jochen Brune (54) aus.

 Er war dann auch der Einzige, der bei der Schaumwein-Taufe mit Mineralwasser vorlieb nehmen musste. Denn Brune war es, der kurz danach am Steuerknüppel der „Ingenious Performance“ saß. Die Studentin Virginia Bleher, sie nahm die Taufe vor, ging beim offiziellen Erstflug mit in die Luft.

Sie erklärte zuvor, dass der Name des Flugzeugs „für uns als Wirtschaftsingenieure steht und für unsere Tatkraft, dieses Flugzeug gebaut zu haben – und für unseren Mut, neue Wege gegangen zu sein.“

Die „Reutlingen-University“ versteht sich als Hochschule für angewandte Wissenschaften. Und so wird in allen Fakultäten „Hand angelegt“. Ziel der Lehrveranstaltungen ist, dass die Studierenden die praktische Arbeit in Technologieprojekten aus eigener Erfahrung erleben.

Das Projekt der Hochschule ist gemäß eines professionellen Projektmanagement-Prozesses organisiert, der industriellen Maßstäben entspricht. Alle wichtigen Projektrollen, wie zum Beispiel Projektleiter, Project Management Office, Quality Manager, Documentation Manager und Marketing Manager sind im Projekt vorhanden und werden von den Studierenden auch verantwortet.

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