Reutlingen Ein musikalisches Triptychon

Der Knabenchor capella vocalis.
Der Knabenchor capella vocalis. © Foto: pr/Chor
Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 22.09.2016
In der Reihe „Music of our time“ erklingt das Chorwerk „our_vater_noster“ von Christian Bonath: Am Samstag ist die Uraufführung in der Christuskirche.

Eine der wichtigen Neuerungen, die Christian Bonath als Leiter des Reutlinger Knabenchors capella vocalis auf den Weg brachte, ist die Reihe „Music of our Time“. Hier soll Raum sein für zeitgenössische Klänge, für Uraufführungen. Der Titel der Reihe, so Bonath, spielt bewusst auf „A Child of our Time“ an, das bedeutende Oratorium des britischen Komponisten Michael Tippett, das am Ende des Zweiten Weltkriegs als „Versöhnungswerk“ in die Geschichte einging.

Mit bisher zwei Uraufführungen setzte Bonaths Reihe bereits Akzente – mit „Linguae“, einer Musik zum Pfingstwunder von Birger Petersen (2014), und mit einer Gryphiuskantate von Jürgen Blume (2015). Jetzt hat Christian Bonath, wie er sagt, „die Seiten gewechselt“ und selbst zur Feder gegriffen. Er tritt so auch als Komponist in Erscheinung: Sein Chorwerk „our_vater_noster“ feiert am Samstag, 24. September, 19 Uhr, in der Christuskirche Uraufführung.

Wie der Titel andeutet, geht es – in drei Sprachen – um das „Vater unser“, einen Text, der „als weltweites Kulturerbe“, so Bonath, „auch über konfessionelle und ethnische Grenzen hinweg“ Menschen miteinander verbindet. Dies sei ein Aspekt, der ihm „in Zeiten zunehmender kultureller Intoleranz eminent wichtig“ sei, führt Bonath weiter aus.

Die Komposition ist in mehrfacher Hinsicht als Triptychon angelegt. Zum einen verwendet sie drei Textquellen: Martin Luthers Choral „Vater unser im Himmelreich“, Gedichte von Rainer Maria Rilke und das Vater unser. Außerdem kommen drei Instrumentengruppen zum Einsatz: Chor, Tasten (zwei Orgeln, Klavier) und Schlagwerk (Glockenspiel, Schellenstab, Tamburin). Zu guter Letzt ist auch der Werkaufbau dreigliedrig und erinnert an ein Triptychon, ein Flügelaltarbild: Denn die 18 Sätze gruppieren sich um einen zentralen Satz mit der Kernaussage „unser tägliches Brot“.

Wie klingt’s? Nicht unbedingt avantgardistisch, schon gar nicht provokativ: Er habe, erklärt Bonath, nicht für die Donaueschinger Musiktage komponiert. Nein, sein Stil sei von „Konsens-Harmonik“ mit schwebenden, leichten, nicht grundständigen Akkorden geprägt, ergänzt durch Elemente der „Minimal Music“ und der Atonalität. Traditionelle Verfahren (Kanon, Krebs) wechseln mit neuen Methoden (Aleatorik). Der Luther-Choral taucht als Zitat auf, und häufig überlagern sich Dur- und Moll-Terz.

Bonaths Beweggrund zum Komponieren war auch ein „pädagogischer Auftrag“. Und sein Ziel sei eine „vielschichtige Tonsprache“ gewesen: „Ich möchte neue Musik kreieren, die Lust macht, sich mit ihr hörend auseinanderzusetzen“.

Die Zuhörer erwartet am Samstag also ein 30-minütiges Chorwerk, das auch mit Raumwirkungen spielt – teils sind die Solisten in der Kirche verteilt positioniert. Am Ende erklingt ein vielsagender Epilog: „Es bleibt ein Schauen nach oben.“

Uraufführung in der Christuskirche

Termin Das Konzert des Knabenchors capella vocalis findet am Samstag, 24. September, 19 Uhr, in der Christuskirche Reutlingen statt. Im Zentrum steht die Uraufführung von Christian Bonaths Chorwerk „our_vater_noster“. Zudem erklingen von Mendelssohn die Orgelsonate über den Choral „Vater unser“ aus op. 65, „Jauchzet dem Herrn“ op. 69 für Chor und „Drei geistliche Gesänge“.

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