Vesperkirche Ein Lernfeld für Würde

Seit gestern ist die Vesperkirche wieder geöffnet. Der Andrang am ersten Tag war riesig.
Seit gestern ist die Vesperkirche wieder geöffnet. Der Andrang am ersten Tag war riesig. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Norbert Leister 14.01.2018

Hiermit erkläre ich die 21. Reutlinger Vesperkirche für eröffnet. Guten Appetit“, sagte Pfarrer Jörg Mutschler am Sonntag um kurz nach halb 12 Uhr. Zum Gottesdienst als Start in die neue Saison waren noch verhältnismäßig wenig Gäste gekommen, um 12 Uhr herrschte aber schon wieder die geschäftige Enge, die sowohl die zahlreichen Helfer wie auch die Besucher der Vesperkirche in den 20 zurückliegenden Jahren gewohnt waren.

Kalbsrahmbraten gab es gestern und – völlig ungewohnt – musste kein Euro bezahlt werden. „Setzen Sie sich doch einfach hin, Sie werden bedient“, forderte Mutschler nach einigen Minuten all die Gäste auf, die wie all die Jahre zuvor geduldig in der langen Schlange warteten, um an der Wärmetheke ihr Essen zu erhalten. Es wird also wohl noch eine Weile brauchen, bis sich die Besucher daran gewöhnt haben, dass sie – wie in einem richtigen Gasthaus, in einem Restaurant – bedient werden können.

Ebenfalls neu in der diesjährigen Vesperkirche: die Anordnung von Tischen und Stühlen. Die lange Tischreihe in der Mitte wirkt zunächst fremd, „schafft aber mehr Platz für Verkehrsraum“, so Mutschler. Also mehr Platz für die Bedienung der Gäste. Neu ist ebenfalls die Spendenboxen auf den Tischen. Die Skepsis bei so manchen der Helferinnen und Helfern ist groß, ob das neue System funktionieren wird. „Einen Euro kann doch jeder zahlen“, hieß es da. „Die Gäste können in die Boxen einwerfen, soviel sie können oder wollen“, sagte Mutschler und verwies dabei auf die Erfahrungen mit den Spendenboxen in so vielen anderen Vesperkirchen im Land.

Grundsätzlich gehe es in der Reutlinger Variante des „besonderen Gasthauses“ aber nicht ums Geld, sondern um „ein Lernfeld von Würde und Respekt im Umgang miteinander“, wie Pfarrer Mutschler betonte. Und es gehe natürlich auch um „die Botschaft von der Würde jedes einzelnen Menschen“. Gleichzeitig sei bei allen Vesperkirchen eine weitere Botschaft wichtig: Dass nämlich „die verschämte Armut neben dem unverschämtem Reichtum einfach nicht sein darf“, so Mutschler.

Mit dem „täglichen Brot“ im „Vater unser“ beschäftigte sich Pfarrerin Ursula Göggelmann in ihrer Predigt. Ob das Brot tatsächlich von Gott komme, wo wir es doch beim Bäcker oder im Supermarkt einkaufen? „Wir sollten da mal den Weg des Brotes zurückverfolgen“, forderte sie auf. Auch „wenn der Mensch noch so sehr mit Glyphosat und anderen Dingen da reinpfuscht – dass das Korn auf dem Acker wachsen kann, dafür sorgt Gott mit Sonne und Regen“, so Göggelmann am Sonntag.

Und dass in der Vesperkirche Menschen mit dem Essen für einen ganzen Tag versorgt würden, „dafür braucht es viele Hände und viele Helfer“, betonte die Pfarrerin. Viele Hände in der Bruderhaus-Diakonie zum Beispiel, wo das Essen bereitet wird. Viele Hände aber auch in der Vesperkirche, die die Mahlzeiten servieren, Vesperbrote streichen, im Vorfeld Kuchen backen. „All das kriegen die Gäste hier – da sollten sie auch mal an all die fleißigen Hände denken.“ Und hinzu komme: „Brot hat auch seine Würde, es sollte also nicht einfach achtlos weggeworfen werden, denn das ist eine Beleidigung Gottes“, findet Ursula Göggelmann.

Bevor es dann tatsächlich an die Essenstöpfe ging, sprach Barbara Bosch einmal mehr ein Grußwort zur Eröffnung der Reutlinger Vesperkirche: „Hier geht es wie bei dem Markenbildungsprozess, der nun in der Stadt anläuft, um ein gemeinsames Verständnis, um die Identität der Mitmenschlichkeit und Solidarität.“ All das gehöre nämlich auch zur Stadt, „auch das ist ein Markenkennzeichen und zwar ein ganz besonderes“, so die Oberbürgermeisterin. Und darauf sei sie stolz.

Was dann noch folgte, war ein von Mutschler verlesenes Grußwort von Gerlinde Kretschmann. Die Schirmherrin aller Vesperkirchen im Land sagte Dank an alle Helfer, „die mit ihrem Engagement gesellschaftliche Verantwortung übernehmen“, so die Gattin des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Dann ging’s aber endlich an die Verteilung der Mahlzeiten. Und da war die Reutlinger Vesperkirche auch gewohnt gefüllt. Wie all die Jahre zuvor.

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