Reutlingen Ein Leben für den Dialekt

Wilhelm König feiert am Samstag seinen 80. Geburtstag.
Wilhelm König feiert am Samstag seinen 80. Geburtstag. © Foto: Jürgen Spieß
Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 26.06.2015
Er ist viel mehr als ein Heimat- und Mundartdichter: Wilhelm König hat sein Lebenswerk dem Dialekt gewidmet und wird das hoffentlich noch eine Weile tun. Am Samstag feiert er seinen 80. Geburtstag.

Das 40. Lebensjahr ist für Wilhelm König eine ganz besondere Zahl: Zum 40. Mal gingen in diesem Frühjahr die von ihm gegründeten Mundartwochen über die Bühne. Außerdem gab er vor 40 Jahren seinen ersten Gedichtband heraus. Und am Samstag wird eben jener Wilhelm König zwei Mal 40 Jahre alt.

Für ihn müsste man das Sprichwort erfinden: "Mit 40 wird dr Schwob erschd 'gscheid - und mit 80 startet er nochmal durch". Denn um übers Alter zu reden, hat der unermüdliche Organisator der Mundartwochen und Leiter der Mundartgesellschaft Württemberg gar keine Zeit. Viel lieber kümmert er sich weiter um die Vermittlung von Sprachkultur und macht sich Gedanken über die Zukunft des Schwäbischen und anderer Dialekte. Wir sprachen mit König anlässlich seines Geburtstags über Schwaben, Dialekte und dies und das.

SÜDWEST PRESSE: Erst mal alles Gute zum Geburtstag auch von uns, Herr König. Fühlen Sie sich eigentlich als Reutlinger, Dettinger oder Bad Schussenrieder?

WILHELM KÖNIG: Ich fühle mich schon als Reutlinger, obwohl ich auch häufig in Schussenried bin und dort nach wie vor die 1999 von mir gegründete Mundartbibliothek leite. Manchmal habe ich aber auch Heimweh nach Dettingen, wo ich bis zum 16. Lebensjahr aufgewachsen bin. Ich sage immer: Mein Herz hängt an Dettingen, mein Hirn liegt in Reutlingen. Hier habe ich meinen Lebensmittelpunkt und für meine Mundart-Aktivitäten eine Konstellation vorgefunden wie nirgendwo sonst in Württemberg.

Wie schätzen Sie die Zukunft des schwäbischen Dialekts ganz allgemein ein? Eher Niedergang oder Renaissance?

WILHELM KÖNIG: Eindeutig Ersteres. Regionaldialekte gibt es schon längst nicht mehr, und dem Dialekt ist die Eigenschaft zur Dichtung verloren gegangen. Man muss sich mal vorstellen: In den 1970er Jahren waren Mundart-Lesungen ganz normal, doch dafür gibt es seit den 90er Jahren kein Publikum mehr. Mitte der 70er Jahre habe ich die Listhalle noch mit unterschiedlichen Mundart-Veranstaltungen gefüllt. Das wäre heute unvorstellbar. Der Rückgang des Dialekts hat auch mit der Internationalisierung der Gesellschaft zu tun und damit, dass sich der Urdialekt mit der Zeit immer mehr entwickelt, verwässert und aufgefächert hat.

Und woran liegt es, dass die Schwaben für Ihren Dialekt häufig belächelt werden?

WILHELM KÖNIG: Das konnte ich nie nachvollziehen. Ich glaube aber, der Volldialekt ist noch nie belächelt worden, nur seine Ableger wie etwa das breite Stuttgarter Schwäbisch. In den Regionen und Kreisen, wo ich mich bewege, wurden Dialekte nie abwertend behandelt, egal ob es sich ums Schwäbische, Pfälzerische, Hessische oder Bayrische handelt. Mein Anspruch war immer: Es ist wichtig, im Dialekt zu denken, und das machen die wenigsten. Ich behaupte mal, dass 99 Prozent nicht in ihrem Dialekt denken können. Außerdem ist nicht jedes Thema dialektgeeignet. Liebesgedichte zum Beispiel sind schwierig im Schwäbischen.

Was kann man im Schwäbischen besser als in der Hochsprache ausdrücken?

WILHELM KÖNIG: Die Beziehung zur Landschaft können Schwaben wunderbar beschreiben, indem man ihren Geist beschwört. Kein Schwabe würde einfach sagen: Oh, isch des sche. Man weiß es ja, steht da und schweigt. Man ist dankbar, so eine schöne Landschaft zu haben, aber man spricht es nicht aus. Das ist schwäbische Mythologie.

Und dann gibt es ja noch Comedians, die das Schwäbische hochhalten. Befürworten Sie das?

WILHELM KÖNIG: Da bin ich zwiegespalten. Einerseits ist die Hochphase der Dichtung vorbei, das muss man akzeptieren. Andererseits verschaffen Kabarettisten wie Christoph Sonntag oder Dominik Kuhn dem Schwäbischen einen Markt, und das begrüße ich. Comedy wird im Gegensatz zur Dichtung aber nicht überliefert und dokumentiert und gerät irgendwann wieder in Vergessenheit.

Eine letzte Frage noch zur Zukunft Ihrer Mundartwochen?

WILHELM KÖNIG: Das Ende ist sicher und nicht mehr so weit weg. Natürlich möchte ich bewahren, was ich erreicht habe, aber ein Nachfolger, der die Übersicht über alle deutschen Dialekte vorweisen kann, ist nicht in Sicht. Ich möchte es mal mit einem lockeren Spruch beantworten: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

Info Eine Nachfeier mit Buchvorstellung und Würdigungen wird es am am Freitag, 3. Juli, 20 Uhr, im Großen Studio der Reutlinger Stadtbibliothek geben.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel