Reutlingen Ein Leben auch für die Kunst

Noch im Februar präsentierte er seine Sammlung brasilianischer Volkskunst im Städtischen Kunstmuseum: Günther Wagner.
Noch im Februar präsentierte er seine Sammlung brasilianischer Volkskunst im Städtischen Kunstmuseum: Günther Wagner. © Foto: Archiv/Otto Paul Burkhardt
Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 22.07.2016
Er war Dichter, Künstler, Sammler und scharfsinniger Aphoristiker: Der Reutlinger Unternehmer Günther Wagner ist im Alter von 91 Jahren verstorben.

Noch im Februar, zur Eröffnung der Ausstellung „Cordelistas“, war er mit Begeisterung dabei. Gab Auskunft über seine Sammeltätigkeit, erläuterte die Dokumente brasilianischer Volkskunst und freute sich, dass seine Schenkung von rund 60 Holzschnitten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Am 13. Juli ist der kunstsinnige Reutlinger Unternehmer Günther Wagner im Alter von 91 Jahren gestorben.

Der 1925 in Lichtenstein geborene Enkel des Firmengründers Gustav Wagner war in mehrfacher Hinsicht nicht nur seinem Beruf, dem Maschinenbau, sondern auch den Künsten zugeneigt. Die Fähigkeit, einen Gedanken zu einer kurzen Lebensweisheit zu veredeln, lag ihm, kam seiner Art entgegen – so agierte er da ganz in der Tradition der großen Aphoristiker von Konfuzius über Georg Christoph Lichtenberg bis hin zu George Bernard Shaw. 1985 erschien von ihm ein Bändchen mit Sinnsprüchen unter dem Titel „SCHWER sinnig / leicht FÄLLIG“. Da finden sich so kantige Sätze wie „Fernsehen ist leicht – Nahsehen will gelernt sein“ oder „Erst wenn die Gedanken im Gleichschritt gehen, werden sie gefährlich“.

Auch in der Bildenden Kunst fühlte er sich zu Hause – was seine vielfältigen Interessen in diesem Bereich belegen. 1947 besuchte er die Merz-Akademie Stuttgart. Bis zuletzt fertigte er, trotz der Gebrechen des Alters, mit einem Lesegerät künstlerische Bilder von hoher Dichte – etwa aus Grashalmen, Blüten und kleinen Fundstücken. Auch als Kunstsammler betätigte er sich. Noch im Februar wirkte er aktiv mit bei der Präsentation seiner Sammlung brasilianischer „Cordelistas“ im Spendhaus und erläuterte mit viel Humor die Entstehung dieser Sammlung. Von 1973 bis 1987, erzählte er, sei er in Brasilien mit dem Aufbau einer Firmenfiliale beschäftigt gewesen. In dieser Zeit habe er auf Märkten in Sao Paulo die „Literatura de cordel“ (Literatur an der Schnur) kennen und schätzen gelernt: jene an Kordeln zum Verkauf aufgereihten Heftchen im Taschenformat, in denen Alltägliches, Politik, aber auch Liebesgeschichten und spirituelle Mythen verhandelt wurden. Vor allem die Titelblätter weckten Wagners Interesse. Die Holzschnitte darauf sind kleine Kostbarkeiten, Bilder, in denen sich brasilianische Volkskunst und expressionistische Formensprache wieder finden.

Günther Wagner hatte zunächst befürchtet, diese Art von Volkskunst könne den akademischen Ansprüchen des Städtischen Kunstmuseums nicht genügen. Umso „überraschter“ war er, welch großes Interesse die von ihm gesammelten „Cordelistas“ in der Kunstwelt „ausgelöst“ haben. Die Nähe der Bildchen zu Comic und Graphic Novel gibt ihnen eine aktuelle Dimension.

Schließlich die Musik. Schon bei Festen der Merz-Akademie, so wird erzählt, saß er am Klavier und spielte Schlager. Später wandte sich sein Interesse der klassischen Musik zu. Sein Wunsch, auch eines seiner eigenen Gedichte vertonen zu lassen, ging spät in Erfüllung: Der vorher in Tübingen tätige Möhringer Kantor Leonhard Völlm komponierte auf ein Gedicht von Wagner das Chorwerk „Wandel der Zeit“. Wagners Text, so Völlm, sei „ein Blick auf das schattenhafte Werden und Vergehen alles Irdischen im unaufhaltsamen Rhythmus der Zeit.“

Entstanden ist – auch wenn Wagner vielem in der neuen Musik kritisch gegenüberstand – ein Stück moderner Kirchenmusik. Wagner war bei den Proben zu diesem Chorwerk im Dezember 2015 – in der Zeit der Attentate in Paris – anwesend. Völlm sagte dazu: „Wir haben gemeinsam die Bilder im Fernsehen gesehen. Die Anschläge verleihen dem Werk eine traurige Aktualität.“

Gleichwohl: Aus Wagners Gedichten spricht ein philosophischer Geist. Auch Skeptizismus. Viel Vitalität. Und vielleicht doch die Hoffnung, dass die Kunst es ermöglicht, andere Welten zu denken. „Wenn wir keine Bilder in uns haben,“ heißt es in einem Wagnerschen Aphorimus, „können wir auch keine malen.“

Beerdigung: Heute, Freitag, 22. Juli, 11 Uhr, Reutlingen, Friedhof Unter den Linden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel