Es ist selten, dass man den fünfhundertsten Geburtstag eines Gebäudes feiern kann, das durchgängig in städtischer Nutzung war“, sagte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch am Sonntagmorgen im Spendhaus, in dessen Saal der gut besuchte Festakt zum Jubiläum stattfand. „Wir können stolz darauf sein, dass es das Bauwerk noch gibt.“

Das in den Sandsteinsockel gemeißelte Baudatum „1580“ stehe, so Bosch, nicht mehr im Zweifel, sondern konnte durch dendrochronologische Untersuchungen bestätigt werden. „Das Gebäude überstand den Dreißigjährigen Krieg, den Stadtbrand von 1726 und den Zweiten Weltkrieg und war 1524 Zeuge des für die Reformation wichtigen Markteids und des Aufbegehrens der Bürgerschaft 1848/49.“

Gebaut als sogenannter Fruchtkasten, als Kornspeicher der Armenpflege, beherbergte das Gebäude ab 1832 ein Holzlager, dann die Stadtbibliothek, so Bosch. 1868 wurde im Dachgeschoss der Zeichensaal für die deutschlandweit erste „Industriezeichenschule für Frauen“ untergebracht. Nachdem die kirchliche Armenpflege das Spendhaus 1871 an die Stadt verkauft hatte, wurden neben der Stadtbibliothek, der Städtischen Hochschule, Vereinen und der Technischen Nothilfe auch die ersten Sammlungen im Gebäude untergebracht. In diesem Zusammenhang verwies Bosch auf die Veranstaltungen am Nachmittag. Tilmann Marstaller bot Führungen zur Architektur an, die Frauen-Geschichtswerkstatt Reutlingen informierte über die Frauenarbeitsschule.

„Seit fast 30 Jahren ist das Spendhaus ein kulturelles Aushängeschild unserer Stadt“, so die Oberbürgermeisterin. „Unsere Vorfahren haben ihre Arbeit gut gemacht und ein grundsolides Gebäude errichtet, das das Stadtbild mitprägt.“ Da in der Museumspädagogik regelmäßig auch mit Menschen mit Behinderungen arbeitetet werde, sei bis heute auch die soziale Funktion erhalten.

„Die bildende Kunst hatte es am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht leicht in der protestantischen geprägten Industriestadt Reutlingen“, sagte Museumsleiter Herbert Eichhorn in seinem Vortrag über die Kunst im Spendhaus. Er berief sich dabei auf die Beobachtungen des damaligen Landeskonservators Gustav Adolf Rieth. Auch die beiden Projekte „Achalm-Kunsthaus“ und die Zeitschrift „Achalm“ fanden nur geringe Resonanz. Aber dennoch gab es die Reutlinger Maler Walter Ast, Paul Jauch und Wilhelm Kehrer sowie die „kulturnahen“ Schwestern Rupp. 1930 echauffierte sich die Kreiszeitung, dass eine Gruppe junger Leute um HAP Grieshaber regelmäßig nach lebendem Modell Aktzeichnungen anfertige.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Lage“, so Eichhorn. Sowohl die französischen Besatzer als auch Oberbürgermeister Oskar Kalbfell hätten Kunst und Kultur gefördert. Seit 1950 finden in der vierten Etage regelmäßig Kunstausstellungen statt. 1953 gründet sich die Hans-Thoma-Gesellschaft, aus der der Kunstverein Reutlingen hervorging. Zu Gast waren maßgebende Künstlergruppen des Südwestens wie die „Künstlergilde Esslingen“, die „Sezession Oberschwaben“ und die „Ellipse“ aus Reutlinger und Tübinger Künstlern.

„Schritt für Schritt machte die Stadt die Spendhausstraße zur Kulturmeile.“ Am 15. Oktober 1989 eröffnete das Städtische Kunstmuseum Spendhaus. Schwerpunkt der Sammlungen wird mit Werken von Grieshaber und Wilhelm Laage der Holzschnitt der Moderne und der Gegenwart.

„Mittlerweile haben über 300 Ausstellungen stattgefunden“, resümierte Eichhorn. Durch Neuerwerbungen und Schenkungen verfüge man über eine einzigartige Sammlung von rund 20 000 Einzelblättern zum Thema Hochdruck. „Reutlingen gilt schon lange als das Mekka des Holzschnitts.“ Ein weiteres „Alleinstellungsmerkmal“ sei die konkrete Kunst.

Eichhorn dankte allen Förderern und Stiftern, den Mitarbeitern, dem Freundeskreis und dem Gemeinderat, der „immer verlässlich die notwendigen finanziellen und personellen Rahmenbedingungen geschaffen hat.“

Für die musikalische Umrahmung sorgte das Peñalosa-Ensemble mit Werken aus der Entstehungszeit des Spendhauses und der frühen Neuzeit.

Am Nachmittag gab es am Sonntag dann außer den beiden Führungen zur Hausgeschichte auch noch Druck- und Malspiele, eine Kuratorenführung durch die Ausstellung Winand Victor sowie noch ein Gespräch mit dem Leiter des Museums für Bananen-Aufkleber.