Reutlingen Ein Jugendwerk mit Opern-Dramatik

Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 12.04.2016
Selten live zu erleben: Mozarts Oratorium "La Betulia liberata". Christian Bonath brachte das Werk in der Reihe "Reutlingen vokal" mit Solisten und dem Knabenchor capella vocalis auf die Bühne der Stadthalle.

Um dieses Werk machen die meisten Dirigenten einen Bogen, auch beim Publikum ist es kaum bekannt (weswegen die Stadthalle nur schwach besetzt war). An der Musik liegt es nicht - der 15-jährige Wolfgang Amadé Mozart hat sie mit erstaunlicher Reife während der zweiten Italienreise komponiert - , aber in vollem Umfang zieht sich die Geschichte von Judiths Heldentat und der Befreiung der Stadt Betulia sehr lange hin, weswegen das Werk in der Regel gekürzt wird.

Die Handlung wird ohnehin nur erzählt, das Libretto von Pietro Metastasio erschließt sich eher beim stillen Lesen. Wenn überhaupt - es geht um furchtlosen Glauben und darum, dass Gott die "heidnischen Feinde" erschlägt, auch wenn er nur die Hand der Judith beim Köpfen des Holofernes führt und beschützt - insofern heute ein brisantes Thema.

Dabei ist die Hauptperson Judith (oder Giuditta) gerade in dieser Aufführung eine sensible und zarte Person, der man eine solche Bluttat niemals zutrauen würde. Die Mezzosopranistin Margot Oitzinger tut sich zwar schwer mit der zumeist tiefen Lage, dafür blüht ihre Stimme in der Höhe auf, und insgesamt verleiht sie der Figur ein differenziertes, kultiviertes Profil. Sie und ihre Solistenkollegen spielen die Hauptrolle, der Chor wird von Mozart nur marginal und ganz schlicht eingesetzt.

Angeblich musste der junge Mozart Rücksicht nehmen auf die damaligen Chöre in Italien - für die etwa 50 Sänger des Knabenchors capella vocalis ist der Part eine leichte Übung, die sie mit der gewohnt hohen Qualität absolvieren. So erlebt man eine Art konzertante Opernaufführung mit langen, von Christian Bonath an der Truhenorgel in Flöten-Registrierung begleiteten Rezitativen und teils andachtsvollen, teils virtuosen Arien. Diese sind definitiv opernhaft, erinnern ein wenig an die Barockoper und fordern, wie auch in Mozarts späteren Werken, geläufige Gurgeln.

Über die verfügt auf jeden Fall Susan Eitrich, sie blieb den Anforderungen der Partie der Amital nichts schuldig, sowohl stimmlich wie ausdrucksmäßig. Der Tenor Markus Schäfer stellte einen präsenten Ozia (Stadtchef von Betulia) dar, seine Angrifflust beschränkte sich aber partiturgemäß auf die Auftrittsarie und litt etwas in der zehnminütigen (!) Auftaktarie des zweiten Teils.

Dem Bass-Part des Vermittlers Achior gab Markus Volpert Wortkraft und stimmlich solide Statur. Die professionelle Sicherheit fehlt naturgemäß noch ein wenig bei Jan Jerlitschka, dessen Knabensopran das Solistenquartett um seine weich timbrierte Färbung erweiterte; man darf gespannt sein, wie er sich weiterentwickelt.

Den opernmäßigen Charakter der "Betulia liberata" unterstrich Christian Bonath durch ein Dirigat, das aus der schwierigen Partitur und der kleinen Orchesterbesetzung der Württembergischen Philharmonie Reutlingen soviel Dramatik wie möglich herauskitzelte. Nicht mittels Druck oder Bombast, sondern durch kluge Nutzung der Pianokultur der Instrumentalisten, durch Zögern, Innehalten, Zurücknehmen - was an szenischer Handlung fehlte, wurde durch musikalische Spannung aufgewogen.

In diesem Sinne konnte man die Arie "Con troppo rea viltà" als Höhepunkt hören, in der eigentlich nur Amital/Susan Eitrich ihre Zweifel bereut, jedoch gemeinsam mit dem Orchester ein Höchstmaß an Ausdruck verwirklicht. Reichlich Applaus nach dem großen gemeinsamen Finale.

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