Ehrung Ein guter Griff von OB Kalbfell

Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch überreichte Jürgen Knorrn das Bundesverdienstkreuz.
Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch überreichte Jürgen Knorrn das Bundesverdienstkreuz. © Foto: Gabriele Böhm
Reutlingen / Gabriele Böhm 11.06.2018

Offiziell heißt es „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Am Freitag wurde es in einer Feierstunde im Haus der Begegnung in Orschel-Hagen an Jürgen Knorrn für seinen Einsatz für die schlesische Kultur und die schlesische Landsmannschaft verliehen.

Oberbürgermeisterin Barbara Bosch konnte unter den Gästen die Landtagsabgeordneten Thomas Poreski und Ramazan Selcuk sowie mehrere Mitglieder des Gemeinderats begrüßen. „Ich freue mich, dass unser Antrag, Herrn Knorrn zu ehren, beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier Gehör gefunden hat“, so Bosch. „Jürgen Knorrn ist ein engagierter Bürger und ein Vorbild, wie man es sich nur wünschen kann. Wir sind stolz darauf, Herrn Knorrn in Reutlingen zu haben.“ Knorrn wurde bereits von der Stadt mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. „Seit über 40 Jahren ist er bei jeder Gemeinderatssitzung dabei.“

Jürgen Knorrn ist in Schweidnitz in Schlesien geboren und verlor durch den Zweiten Weltkrieg sein Zuhause. Mit seiner Mutter floh er zunächst ins sächsische Vogtland, dann nach Ostbayern, bevor Reutlingen seine neue Heimat wurde. Auf der Einladungskarte zum Festakt sind Fotos von Schweidnitz und Reutlingen, jeweils mit Blick auf die Hauptkirchen, abgedruckt, die eine frappierende Ähnlichkeit beider Stadtansichten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen. Mittlerweile wohnt Knorrn seit über 60 Jahren in der Gartenstadt.

In ihrer Laudatio hielt Friedlinde Gurr-Hirsch, MdL und Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, eine Rückschau auf Knorrns Lebensweg, der von unermüdlichem Einsatz für die schlesische Kultur geprägt sei. „Der damalige Oberbürgermeister Oskar Kalbfell hat Ihnen damals eine Wohnung versprochen, wenn Sie sich um die Heimatvertriebenen kümmern“, sagte Gurr-Hirsch. Knorrn habe das Ehrenamt übernommen und Reutlingen damit auch die große Bedeutung der Kultur des Ostens nahegebracht. Intensiv habe sich der Geehrte, der aus einer schlesischen Verlegerfamilie stammt, auch dem Wiederaufbau des Heege-Verlags in Schweidnitz gewidmet. Als 1953 in der Listhalle die Patenschaft Reutlingens für Schweidnitz begründet wurde, war Knorrn 22 Jahre alt und ist auf Fotos in der ersten Reihe zu entdecken. 1955 übernahm er die Patenschaft, aus der das Hilfswerk Schweidnitz entstand. Auch durch seine Arbeit in der Landsmannschaft, deren Ortsgruppe Knorrn bis heute vorsteht, führte er die Menschen zusammen und hielt die Erinnerung an die Heimat lebendig. „Der Begriff Heimat ist zentral in Ihrem Leben“, sagte die Staatssekretärin.

Ab 1968 wurden in Reutlingen kontinuierlich jedes Jahr schlesische Kulturwochen durchgeführt. „Sie haben Maßstäbe gesetzt, Ihr Engagement ist vorbildlich.“ Durch die Bemühung um die Verbindung zu Schweidnitz, das heute zu Polen gehöre, schlage in Knorrn auch ein „europäisches Herz.“ Der Dank des Landes seit ein Stück weit „Lebensernte“.

Knorrn selbst dankte für die Auszeichnung, zeigte sich jedoch bescheiden: „Wenn man etwas tun kann, soll man es auch tun.“ Er habe nur das Selbstverständliche gemacht. „Herr Kalbfell hat mit mir damals wohl einen guten Griff getan“, meinte er humorvoll. Er hoffe, dass im Heimatmuseum einmal wieder die schlesische Sammlung gezeigt werden könne.

Linus Feger aus Mössingen, trotz seiner erst 13 Jahre ein versierter Musiker und Enkel des Geehrten, umrahmte die Feier am Klavier. Neben klassischen Stücken und dem Schlesischen Heimatlied erklang auch „Viel Glück und viel Segen“, da der Geehrte am Tag zuvor seinen 87. Geburtstag gefeiert hatte. Seine Rührigkeit reichte bis hin  zu den Tischkarten beim Festakt, die Jürgen Knorrn eigenhändig auf seiner mechanischen Schreibmaschine getippt hatte.

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